Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-5020
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ZUR 
GESCHICHTE 
DER 
KIRCHLICHEN 
STICKE- 
REIEN 
IN 
N E UERER 
UND 
NEUESTER 
ZEIT. 
Als die Stickkunst sich auf der Höhe ihrer vollen ästheti- 
schen und technischen Entwickelung befand, trat, von Italien her- 
kommend, allmälig die Anbahnung und der Uebergang zu jenem 
neuen Style auch in Deutschland ein, der in Italien durch das 
Studium der alten klassischen Bauwerke schon in der Frühzeit der 
Medicäer sich allgemeinen Eingang verschafft hatte. Man sprach 
und dachte jetzt in den Formen und in der Weise des heidnischen 
R0m's und es dauerte nicht lange, so fühlte und empfand man 
auch nach Art des alten Hellas und Latiums. Kurz, gleich wie 
die gefeierten „Cinquecentisten" im Denken und im Sprechen das 
alte Heidenthum mit einigen christlichen Reminiscenzen noch zer- 
setzt, wieder aufzuwärmen suchten, so bemühten sich auch, und 
nicht vergebens, die Graecomanen und Humanisten diesseit 
der Berge, den alten längst abgestorbenen griechischen und rü- 
mischen Formen für die Zwecke der Gegenwart wieder neues 
Leben einzuhauchen. Die Architektur musste zuerst den fremden 
klassischen Zwang auch unter nordischem Himmel sich gefallen las- 
sen. Malerei und Sculptur und die übrigen Zweigkünste beeiferten 
sich, auf Kosten der überlieferten heimathlichen Formen die 
Gesetze und Bildungen des neu aufgekommenen Kunststyles „der 
Gelehrten" sich zu eigen zu machen. Auch die Stickerei hatte 
angefangen, wie wir früher gesehen haben, sich in der Technik 
zu überheben und erlaubte sich in der Composition grossartige 
Freiheiten, die zu Ueberstürzungen, Abnormitäten und endlich 
zum vollen Bruche mit den langgeübten heimathlichen Bildungen 
führen mussten. Um bei dem Wehen des neuen Zeitgeistes vor den 
Jlrrungenschaften" der übrigen Künste nicht zurück zu stehen, ver- 
suchte auch die Stickkunst bei der gepriesenen ßwiedergeburt" der 
Künste ihr Heil in den neu in Schwung gekommenen klassischen For- 
men und warf sich, verleitet durch die grosse manuelle Fertigkeit, 
die sie sich in jeder Darstellungsweise bei ihren reichen Mitteln er- 
worben hatte, der neuen, zum guten Tone gewordenen Kunstweise 
bereitwilligst in die Arme. Dieser Einfluss der Renaissance auch auf 
dem Gebiete der kirchlichen Stickerei machte sich jedoch in Italien, 
dem Geburtslande der neuen Weise, fast 70 Jahre früher geltend, 
als das im nördlichen Frankreich, am Rhcinc und im übrigen 
Deutschland der Fall war. In Deutschland trat der allmalige 
Wechsel des Styles und der Formen erst im zweiten Viertel 
des XVI. Jahrhunderts selbstbewusster auf, nachdem vorher auch
        

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