Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4983
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ruhig ansehen, dass meistens Maler vierter Klasse, die widerrecht- 
lich diesen Namen sich anmaassen, in nachdunkelnden Oelfarben 
da sich breit machen, wo einst der Bildsticker als Künstler Gele- 
genheit fand, grössere Nadelmalercicn zu schaffen, die noch nach 
Jahrhunderten sich heute als künstlerisch echt und dauerhaft 
erweisen. 1) Unsere heutigen, meist für ein Spottgeld auf steifer 
Leinwand in Oel gemalten Fahnenbilder zeigen hingegen oft 
schon nach zehn Jahren Spuren der Vergänglichkeit und fangen 
vollends in dem noch jugendlichen Alter von 20 Jahren an schad- 
haft und nach und nach unsichtbar zu werden. Abgesehen da- 
von, dass es widernatürlich zu sein scheint, eine Fahne oder ein 
wallendes Banner, das jedem Luftzuge nachgeben soll, in der 
Mitte mit zwei steifen Oelbildern zu behaften, die der Bewegung 
entgegenstehen und leicht Brüche erhalten, so verdienen gestickte 
Fahnenbilder in leuchtende1', schimmernder Seide, auch ihrer 
Wirkung und ihrer Dauerhaftigkeit Wegen, unbedingt immer den 
Vorzug vor Bildwerken in trockenen Farben gemalt. 
Bevor wir den allniäligen Verfall der Stickkunst mit dem 
Schluss des Mittelalters und dem Beginne der Renaissance weiter 
verfolgen, erübrigt es noch, hierorts durch Beschreibung und 
unter Vorlage getreuer farbiger Copieen den vorhergedachten 
Höhepunkt, den die kirchliche Bildstickcrei vor Abschluss des 
Mittelalters erreicht hatte, denjenigen zu veranschaulichen, die 
nicht Gelegenheit hatten, von den vorzüglichen Leistungen mit- 
telalterlicher Bildsticker durch Besichtigung von Originalstickereien 
sich zu überzeugen. Tafel XVII. veranschaulicht als Copie in 
Farbendruck eine mittelalterliche Corporaltasche, wie sie bei 
reichern Festtags-Ornaten, statt der heutigen „bursa" im XV. Jahr- 
hundert vielfach in Anwendung kam. Dieselbe ist fast quadra- 
tisch gestaltet, da die Lange einer jeden Seite etwas mehr als 20 
Centimeter beträgt. Der Tiefgrund dieser äusserst zart gestick- 
ten Corporaltasehe ist in der Art und Weise mit Goldfäden dicht 
überzogen, wie auch die Kunststicker zu Arras den Fond zu 
ihren Stickereien "a or battu" einzurichten pflegten. Es sind 
In der Sacristei von St. Andreas in Köln bewundert man heute noch vier 
grüssere Medaillons, trefflich iu Plattstich gestickt, die zur Darstellung 
bringen die Ilauptbegebenheiten aus dem Leben des h. Hubertus. Wahr-- 
scheinlich dienten dieselben ehemals als Mittelbilder zweier Fahnen und 
sind dieselben unseres Dafürhaltens nach von Carthäusermünchen im XV- 
Jahrhundert mit grosser Meisterschaft angefertigt worden, wie das in un- 
serm Werke: "Das heilige Köln, I. Lieferung", ausführlicher zu er- 
sehen sein wird.
        

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