Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4587
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gekommen ist. Wenn wir Provinzen namhaft machen wollten 
wo die kirchliche Stickkunst ihre grossartigsten Triumphe ge- 
feiert hat, so würden wir vor Allem als solche bezeichnen müssen 
Flandern und das Ländergebiet der drei geistlichen Kurfürsten 
am Rheinc. In diesen Districten machen als Hauptlager und 
Stapelplätze für religiöse Stickereien vor allen andern Städten 
sich bemerklich: Köln a. Rh. und Arras in Flandern. Diese bei- 
den Städte, so wie Brügge, Lüttich, Tournay, Rheims waren seit 
den frühesten Zeiten jene Orte, wo die verschiedenen Kunst- 
zweige des Mittelalters neben einander im Dienste der Kirche 
langjährig geübt worden waren und wo auch die Stickkunst, von 
der verwandten Malerei ermuntert und angespornt, das Höchste 
zu leisten sich bestrebte, was mit der Nadel und zarten Sei- 
denfäden in der Weise einer Malerei zu erzielen war. Ehe wir 
unser Augenmerk richten auf jene vortreiilichen Leistungen, die 
an der Hand und unter der leitenden Beihülfe der ilandrisehen 
und rheinischen Malersehulen von den Kunststiekern am Rheine, 
an der Maas und Schelde hervorgingen, wollen wir in dem Fol- 
genden vorübergehend darauf hinweisen, in welcher Reihenfolge 
mit den übrigen bildenden Künsten die Stickerei den Höhepunkt 
ihrer Entwickelung erreicht habe und welche Künste vorher den 
WVeg angebahnt hatten, dass es auch möglich wurde, in der Stick- 
kunst jene Erfolge zu erstreben, wie dieselben im XV. Jahrhundert 
thatsächlich in die Erscheinung traten. Bekanntlich machte sich 
zuerst in der Architektur bereits in der letzten Hälfte des XII. 
Jahrhunderts unbewusst ein Streben geltend, mit den alten über- 
lieferten Bauformen zu brechen und neue Formen, vom germa- 
nisch-christlichen Geiste durchdrungen, zu Wege zu bringen. Gegen 
Mitte des XIII. Jahrhunderts war dieser Kampf mit den alten 
Formen beendigt, und die neu entstandenen Kathedralen des 
XIII. Jahrhunderts zeigen den vollständigen Sieg des neuen Spitz- 
bogenstyles in seiner grössten Vollendung über die antiquirten, theil- 
weise noch vom alten Rom und Byzanz überlieferten Formen des 
Rundbogenstyls. Neben der Architektur und im innern Zusammen- 
hange mit derselben begann auch am Schlusse des XIII. und dem Be- 
ginne des XIV. Jahrhunderts die Sculptur, namentlich in Darstellung 
von körperlichen Formen, sich der Fesseln zu entledigen, worin 
seit Jahrhunderten die hierarchisch-stereotype Kunst von Byzanz 
die freien plastischen Bildungen einzuzwängen gewusst hatte. Die 
schönen, eben so sehwung- als seelenvollen Werke an den Ein- 
gimgslauben der Dome zu Rheims, an den äussern Abschluss- 
mauern des engern Presbyteriums der Notre-Dame zu Paris, SO wie
        

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