Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4540
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der Dalmatiken, der Antependien, statt kunstreich gesticktem figu- 
ralen Darstellungen, prachtvolle Goldwebereien einzusetzen, die 
mit künstlich eingewebten Heiligenfiguren belebt waren. Dass 
solche WVebereien, die auf dem Stuhle mit einer gewissen Kunst- 
fertigkeit, jedoch immer mechanisch angefertigt wurden, billiger 
sich herausstellten, als gestickte figurale Darstellungen und des- 
wegen wohl bei der grossen Regsamkeit der italienischen Seiden- 
fabrikanten eine ausgedehnte Verbreitung fanden, leuchtet ein. In 
unserer Sammlung befinden sich viele solcher figurirten Stabwirke- 
reien aus dem Schlusse des Mittelalters, in Italien angefertigt, 
die, wie es der Augenschein lehret, wohl geeignet sein konnten, 
der freien Stickkunst in ihrer Anwendung für kirchliche Zwecke 
eine starke Concurrenz zu bereiten. Tafel XVI. veranschaulicht 
uns die Copie einer Goldwirkerei, wie dieselbe ehemals als Stab- 
verzierung, an einer Chorkappe angewandt, in unserer Sammlung, 
aus Florenz stammend, sich vorfindet. Auf einem dunkelrothen Fond 
eines Atlasgewebes, ist in Goldfäden durch den Einschlag eine 
figürliche Darstellung erzielt, deren Contouren ebenfalls durch die 
rothen Fäden der Kette gebildet werden. Die Kunst des Bildwe- 
bers hat hier in meisterhafter Technik zur Anschauung gebracht 
den Moment vor der Krönung der Madonna, die Himmelfahrt 
der allerseligsten Jungfrau (assumptio B M.  Zur Seite der 
in den Himmel Aufgenommenen befinden sich kleine Engelsgestal- 
ten, die den Triumph der Mutter des Herrn verherrlichen helfen. 
In der obern Abtheilung zeigt sich, von Wolken umgeben, die 
Halbfigur des Sohnes, in dem Augenblicke, wo er die Krone der 
Vergeltung auf das Haupt der Gebenedeiten niederlässt. Die ita- 
lienische Kunst liebte es namentlich im XIV. und XV. Jahrhundert, 
bei der Aufnahme und Krönung Mama's die Legende von der 
abermaligen Schwergläubigkeit des Thomas bildlich darzustellen. 
Einer naiven Tradition zufolge ward Thomas von den übrigen 
J üngern zu dem Grabe der Mutter des Heilandes hingeführt, 
das leer War und in welchem eine Menge wohlriechender Blu- 
men aufgesprosst Waren. Aber Thomas weigerte sich dennoch. 
die Aufnahme der Jungfrau durch die Allmacht ihres göttlichen 
Sohnes anzunehmen. In diesem Momente liess die in den Himmel 
Erhobene ihren Gürtel zur Erde niederfallen; Thomas fängt ihn 
knieend auf und bricht dann erst in die Worte des Glaubens aus: 
„Ja, sie ist aufgenommen worden." Dieses "assunta est" hat der 
Weber in einem Kreismedaillon zu den Füssen des Thomas all- 
zubringen nicht versäumt. Es lässt sich nicht verkennen, dass 
dieses gewebte Bildwerk durch den Reichthum seines Materials
        

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