Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4500
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Anstrengungen und mit Üeberwindung grosser Schwierigkeiten 
endlich gelungen war, das Höchste zu erreichen, was auf dem 
Gebiete der Bildwirkerei mit jenen Mitteln, die der Stickkunst 
zu Gebote standen, zu erstreben war. Die vielen bildlichen Dar- 
stellungen auf dem von Urban VIII. geschenkten kostbaren Mess- 
Ornate im Dome zu Anagni (vgl. Seite 230 und 231) bethatigen schon 
deutlich, welcher Vervollkommnung hinsichtlich der Composition 
und technischen Ausführung die Bildstickerei bereits in der früh- 
gothischen Epoche fähig war. Das prachtvoll gestickte Antepen- 
dium in den Sälen des königl. sächsischen Alterthumsvereins zu 
Dresden ist ein sprechender Beweis, welchen weitern Fortschritt 
die Stickkunst in der mittlern gothischen Kunstepoche gegen 
Schluss des XIV. Jahrhunderts gemacht hatte (vgl. Seite 249-251), 
und lässt die letztgenannte vortreffliche Leistung der Bildstickerei 
deutlich errathen, dass nach diesen technischen Erfolgen und Errun- 
genschaften in der Kunst der Nadehnalerei der Höhepunkt so- 
wohl in Composition als auch in technischer Ausführung bald ein- 
treten musste. Die Epoche, wo die Stickkunst, geachtet und geehrt 
von den übrigen verwandten Schwesterkünsten, diese Höhe in 
Rücksicht auf Composition und technische Ausführung erstie- 
gen hatte, beginnt vollends mit dem zweiten Viertel des XV. 
Jahrhunderts und zwar kommt die kirchliche Stickkunst, wie es 
uns auf langjährigen Reisen klar und deutlich geworden ist, nicht 
in jenem Lande am Grossartigsten und Würdigsten zur Entfaltung, 
wo der romanische Styl am längsten die Traditionen von Alt-Grie- 
chenland und Rom beibehalten hat, und die Gothik als ungekannter 
Fremdling eingewandert und, oft in missverstandener Weise ange- 
wandt, geduldet wurde, sondern ausgedehnte Forschungen haben uns 
zur Genüge darauf hingewiesen, dass die kirchliche Nadelmalerei 
sich da in ihrer grössten Vollendung zeigt, wo die Spitzbogenkunst, 
als in ihrem Geburtslande, entstanden und gross gezogen worden 
ist. Gleichwie der fränkisch-germanische Stamm im Nord-WVesten 
Europzfs hervorragend in der Architektur sich ausgezeichnet hat, 
und auf diesem Boden die grossartigsten Bauten der S itzbo en- 
kunst entstanden sind, gleichwie ferner die romanischeih Völker 
unter dem schönen Himmel Italiens in der WVand- und Tafelma- 
lerei das ganze Mittelalter hindurch Vorzügliches geleistet haben, 
so scheint die kirchliche Stickkunst ihre ausgezeichneten Triumphe 
und ihre Blüthenzeit im XV. Jahrhundert am Rheine, in Flan- 
dern und Burgund vorzugsweise gefeiert zu haben. Bevor wir 
im Folgenden in kurzen Umrissen die Blüthenepoche der Stick- 
kunst diesseit der Berge des Nähern beleuchten, und das eben
        

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