Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4300
 
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ständige Abbildung dieses letztgedachten Messgewandes zu Rheims 
mittheilen. 
Die Stickkunst, die, wie im Vorhergehenden zu zeigen ver- 
sucht wurde, bereits im XIII. Jahrhundert durch den neu auf- 
gekommenen Baustyl, die Gothik, einen scharf ausgeprägten Cha- 
rakter und Grundtypus erhalten hatte, {ing an, im Verlaufe des 
XIV. Jahrhunderts sich auf der gegebenen Grundlage weiter zu 
entwickeln und allmälig eine grössere Selbstständigkeit zu er- 
ringen. Namentlich erhalten die figürlichen Darstellungen, was 
Composition betrifft, eine grössere, freiere Bewegung, die basirt 
ist auf Anschauung der Natur und des Individuums. Allen ligu- 
ralen Darstellungen dieser Epoche kann man es deutlich ansehen, 
dass das germanische Bildungselement, was die Auffassung kör- 
perlicher Formen betrifft, den starren Typus der in der frühern 
Epoche herrschenden byzantinischen Traditionen vollständig ver- 
drängt hat. Die Kunst der Nadelmalerei brachte um diese Zeit 
jene zarten Bildungen zur Erscheinung, in Form von lächelnden 
Heiligenbildern, in langgezogener, zuweilen etwas gebogener kör- 
perlicher Haltung, wie die Sculptur sie kurze Zeit vorher an 
den Vorhallen und Eingängen der Dome zu Rheims, Chartres, 
Amiens und in Deutschland an dem Eingange der Elisabethkirche 
zu Marburg und an einigen Eingangslauben der Kathedrale zu Bam- 
berg als stylbestimmende Modelle für alle Kleinkünste aufgestellt 
hatte. Ueberhaupt muss bemerkt werden, dass die Stickerei, was 
figurale Darstellungen betrifft, nicht gleichzeitig mit der Malerei 
und Seulptur anzusetzen sei; ein langjähriger Vergleich zwischen 
der Malerei und der Stickerei, desgleichen hin und wieder vor- 
findliche gemalte oder gestickte Jahreszahlen haben uns die volle 
Ueberzeugung beigebracht, dass, gleichwie die Architektur als 
Grundlage und Grundbedingung allen übrigen Künsten vorange- 
gangen und den Weg gebahnt habe, so auch die Malerei, der 
Zeitfolge nach, als die Vorgängerin und unmittelbare Lehrerin 
der Stickkunst zu betrachten sei, so zwar, dass analoge Meister- 
werke der WVandmalerei chronologisch immer wenigstens um ein 
Decennium ein höheres Alter beanspruchen können, als das bei 
verwandten Leistungen auf dem Gebiete der figuralen Stickerei 
der Fall ist. Als eine der hervorragendsten Stickarbeiten, die 
die gehobene Kunstthätigkeit im Beginn des XIV. Jahrhunderts 
eharakterisiren, verdient vor Allem hervorgehoben zu werden 
jenes prachtvolle Purpurgewand, oder jene prachtvolle Kaiser- 
Dalmatik, wie sie sich heute noch unter den übrigen Kleinodien 
des ehemaligen heil. deutschen römischen Reiches befindßt- ES
        

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