Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4113
 
215 
Eleganz des Lebens und Zierlichkeit der Formen Einhalt gethan 
werden konnte. Bei diesem regen Aufschwunge, der in einer 
veränderten Weltlage auf den meisten Gebieten der Kunst statt- 
fand, kam es auch, dass die Stickkunst, die im grössern Um- 
fange seither im Dienste des Höchsten, meistens in Klostermauern 
geübt wurde, im XIII. Jahrhundert allgemach in die Hände 
der reichen Bürgertöchter, der edeln Iiitterfrauen überging und 
bald zu Luxus und wohnlichen Zwecken an Profangewändern 
und Mobilargegenständen eine ausgedehntere Anwendung fand. 
Dass durch diesen Üebergang der Stickerei aus dem Kloster 
in das Haus der reichen Bürger, in die Wohnungen der Pa- 
tricier und in die Schlösser und Burgen des niedern und ho- 
hen Adels die Stickkunst selbst in ihren Formen andere Bil- 
dungen aufgenommen habe, dass zu den veränderten Zwecken 
auch eine veränderte Technik und auch ein anderes Material 
genommen wurde, leuchtet ein. S0 ist es erklärlich, dass unter 
den Arbeiten, die im XIII. Jahrhundert das Burgfräulein für den 
Ritter anfertigte, den sie sich erkoren, nicht nur kunstreiehe Na- 
delmalereien ausgeführt wurden in Seide und Gold, sondern dass 
auch vielfach der Haarschmuck der beiden Geliebten in Sticke- 
reien seine Anwendung fand. 1) Dass die Sitte zur höchsten Blüthe- 
zeit des Ritterthums eine sehr verbreitete gewesen sein müsse, näm- 
lich ginzglne Theile des Haarschmuckes zu Stickereien zu verwen- 
den, und solche Nadelarbeiten als tändelnde Spielereien in der 
Minnezeit betrachtet werden können, lässt sich unter Anderm auch 
entnehmen 3,113 einer Stelle eines französischen Troubadours, 
wo es von einem Könige Ris heisst, dass er seiner Dame einen 
Mantel übersandt habe, mit vielen Stickereien aus dem Bart- 
haarg von neun überwundenen Königen und dessen Saum aus 
dem Haarschmucke des Königs Arthur sollte verziert werden, 
den er als zehnten König noch zu besiegen gedachte. 2) Eine 
Menge poetischer und prosaischer Ueherlieferungen, in den Ge- 
sängen und Sagen sowohl provencalischer als auch deutscher Dichter 
und Sänger enthalten, stellen es ausser Zweifel, dass in jenem an 
Kunstproducten eben gedachter Art so ergiebigen XIII. Jahrhun- 
dert, wo der Cult der Frauen seine höchste Höhe erreicht hatte und 
zuweilen auch in Extreme ausartete, die Stickkunst eine bevor- 
zugte Lieblingsbeschäftigung edeler Frauen und Jungfrauen ge- 
1) Chronique du Chastelain de Conci et de 1a Dame de Tat], im Anfange 
der "Chansons du Chätelain de Conci," pars II. 
i) Le Chevalier aux ij Espöcs, Ms. de 1a Bibl nnt., suppl. fr. Nr. 180, 
ful. 2 recto, col. 1, v. 36.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.