Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4033
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Hälfte des XIII. Jahrhunderts könnte man also, bei den1 Schwan- 
ken der Formen, bei dem ungewissen Wechsel der Ornamente 
und bei der jeweiligen Anwendung der traditionellen romanischen 
Formbiltlungen so wie dem Zulassen von neuen Bildungen, de- 
nen man ein grüsseres Streben nach Naturwahrheit deutlich ab- 
sieht, mit dem gleichen Rechte als Uebergangslaeriode bezeich- 
nen, wie man auch in der Architektur schon früher eine solche 
"Transitionsepoche" zugelassen hat. Um diesen Kampf der alt her- 
gebrachten Bildungen mit dem neuen Formprincip, das in der 
Architektur sich bereits Bahn gebrochen hatte, näher zu erläutern, 
würde es ein Leichtes sein, aus unserer eigenen Sannnlilng 
eine grössere Zahl von Stickereien anzuführen, woran dieser un- 
stete Wechsel, dieses unsichere lIin- und Herschwanken sowohl 
auf dem Gebiete der üguralen Stickereien, als auch auf dem der 
ornamentalen ersichtlich wäre. Statt der vielen Aufzählungen, die 
wir zur Bewahrheitung des hier Gesagten zu Hülfe nehmen könn- 
ten, wollen wir hier auf eine merkwürdige Stickerei, wie sie Ta- 
fel X. veranschaulicht, verweisen, wodurch es zugleich sich auch 
erhärten lässt, wie man mit dem Aufkommen der neuen Formen 
sich zugleich in der Stiekkunst nach einer neuen Technik und 
nach einem neuen Material umsah, in welchen man diese Bildun- 
gen zur Ausführung zu bringen bemüht war. Wenn bis zum 
XII, Jahrhundert sehr oft der Plattstich bei figuralen und orna- 
mentalen Nadelarbeiten zur Anwendung gelangt, so tritt mit dem 
Beginn des XIII. Jahrhunderts in der Technik vielfach auf der 
sogenannte, äusscrst solide Tambouretstich, der wohl schon deswe- 
gen bereits in alter Zeit seinen Namen erhalten hat, weil, bei Ausfüh- 
rung dergleichen Arbeiten, die Stickerin auf der stark aufgespann- 
ten Leinwand durch das Durchstossen der stumpfen umgebogenen 
Tambourirnadel einen Ton verursachte, der dem des Tambourin 
nicht unähnlich ist. Ausser dem Tabouretstich findet sich mit 
dem XIII. Jahrhundert in_der Stickkunst häufig, sowohl für or- 
namentale als auch ügurale Darstellungen, die Anwendung der 
Schmelzperlen und Corallen vor. Tafel X- VGTQUSChäI-ulißht lmS 
die Copie einer solchen Stickerei aus bunten Schmelzperlen, 
wie sie als Stabverzierung zu einer Pluviale oder zu einem Mess- 
gewande ehemals ihre Anwendung gefunden haben mag. Der 
Fond dieser eigenthümlichen Arbeit besteht aus dicht neben ein- 
ander gefügten dunkelblauen Schmelzperlen; sämmtliehes Ranken- 
werk, das in eliptischen Medaillons die Halbüguren einfasst, ist 
in hellblauen Sohmelzperlen, wie man sie auch heute noch fabri- 
cirt, dargestellt. Die gothisirenden Blättchen, die noch stark den
        

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