Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4005
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griechischen Schriftstellern zufolge nicht sehr ferne, da der Kreis 
ankündige den „0rbis terrarum", auf welchem das Kreuz des 
Christenthums als Sieger aufgetreten sei. Mit kurzen Worten 
würde dieses Ornament also sagen: die Welt ist dem Kreuze un- 
tcrthan.  Was nun das Technische dieser merkwürdigen Sticke- 
rei betrifft, so bemerken wir noch, dass sämmtliche Ornamente 
in Goldfätlen ausgeführt sind, die sich bei näherer Unter- 
suchung darstellen als stark vergoldete Silberdrähtehen, die über 
einen festgedrehten gelben Seidenfaden gesponnen sind. und 
zwar sind, wie bei allen altern Stickereien, diese Fäden nicht 
durchgezogen, um den darunter liegenden Seidenstoff nicht zu 
(lurchbrechen, sondern die Goldfaden sind dicht neben einander 
gefügt und durch einzelne Stiche mit der Unterlage in Verbindung 
gebracht. Auch besonders einfach aber von gefälliger Com- 
position ist die in Gold gestiekte Randeixifassung an der einen 
Seite der griechischen Stickerei. Die Aehnlichkeit dieser in Krei- 
sen gestickten Kreuze auf dem kleinen Bruchtheil eines ehemaligen 
umfangreichen liturgischen Gewandes mit den gleichartigen ge- 
stickten Kreuzchen und Ringen auf der in dem Vorhergehen- 
den gedachten Kaiser-Dalmatik, ist sehr augenfällig, nicht nur 
hinsichtlich der Form, sondern auch betreffend die Art und 
Weise der technischen Ausführung. Leider haben sich ausser 
diesem Bruchtheile in der an Kunststickereien ähnlicher Art ehe- 
mals so reichhaltigen Schatzkammer des Domes zu Prag, aus den 
Zeiten der alten böhmischen Herzoge, der Prmsliden, herrührend, 
keine mehr erhalten. Dafür aber weiss der Domschatz daselbst 
in langer Reihe anzuführen eine Kette von Beraubungen und 
Plünderungen, die der reichhaltige Schatz seit der Zeit der wilden 
Hussitenkriege bis zu der preussisehen Belagerung von 1742 er- 
litten hat. 1) Von altern Stickereien fand sich ausser der eben 
Bloss zwei ältere Mcssgewilnder aus dem friihern Mittelalter in sehr schönen 
und edeln Dessins finden sich heute noch in der Schatzkammer vor als die 
letzten Reste verschwumlener Herrlichkeit. An den vielen übrigen Mess- 
ornaten sind schwere, oft unbewegliche Goldstolle verwendet worden mit 
hoch aufliegenden schwülstigen Stickereien, die nicht im mindesten einen kirch- 
lichen Charakter haben, und die sämmtlich hinsichtlich ihrer Ueberladen- 
heit und Formlosigkeit harmonirexl mit jenen vielen erstaunlich hohen Mi- 
tren, die thurmförmig fast särnmtlich in Spitzbogenform gehalten sind. Bei 
Betrachtung dieser umfangreichen Sammlung von Mitren hat es uns geschle" 
nen, als ob jener geistreiche Franzose wohl nicht Unrecht gehabt habe, der 
unlängst behauptete, dass, als die Gothik im XVI. Jahrhundert von fle" 
hoehtrabenden Renaissance unbarmherzig verdrängt worden sei, sich die SPWP 
bogenform in ihrer Angst gerettet habe auf das Haupt des Bischofs.
        

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