Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3944
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Beide gleichartigen heraldisch geformten Scenerieen werden in 
der Mitte getrennt durch eine schlanke Dattelpalme, die die 
Mitte des grossen faltenreichen Kaisermantels von unten nach 
oben ausfüllt. An der vordern Oeffnung dieser Kaiserpluvialc 
lauft eine breite, ganz in grossen orientalischen Perlen mit Gold- 
emaillirungen besetzte Borte (praetexta), die den Glanz und den 
Werth des Krönungsmantels bedeutend vermehrt. Um den un- 
tern Saum, von vier Perlrändern contourirt, befindet sich eine 
merkwürdige Inschrift in bombastisch arabischer Diction, die an- 
gibt, dass dieser Mantel gehöre zu dem, was gearbeitet worden 
ist in der königl. Manufactur zu Palermo, der Hauptstadt Si- 
ciliens, im Jahre 528 der Hedschra, d. i. 1133 n. Chr. Geb. 
Das zweite Gewandstück, das nicht weniger beredtes Zeugniss 
ablegt von der wirklich staunenswerthen Kunstfertigkeit und ma- 
nuellen Geschicklichkeit der sicilianischen Sarazenen in der letz- 
ten Hälfte des XII. Jahrhunderts ist jene prachtvolle, mit brei- 
ten goldenen Säumen verbrämte Kaiseralbe (camisia, alba) die 
mit einer Neschi-Inschrift, von vierfachen Perlrändern umgeben, 
in gezogenen Goldfäden gestickt ist. Diese merkwürdige Neschi- 
Inschrift, achtmal in gleicher Weise an dem untern Goldsaume 
zurückkehrend, werden wir in einer folgenden Lieferung mit 
der ausführlichen Beschreibung sämmtlicher gestickten Orna- 
mente veranschaulichen. Die lateinische Inschrift, ebenfalls äusserst 
delicat in gezogenen Goldfaden gestickt, lautet, ebenfalls acht- 
mal zurückkehrend, wie folgt: „Operatum felice urbe Panormi 
XV. anno Dn. W. regis Sicilie ducat. apulie et principat. Ca- 
pue Filii regis WV. indictione XIV." Diese Inschrift gibt also 
deutlich an, dass diese kostbare Albe gestickt worden ist in der 
glücklichen Stadt Palermo unter der Regierung des Königs Wil- 
helm II. im Jahre 1183. i) 
In derselben königl. Manufactur, dem "gazophylacium" 2) der 
 
 Eine übersichtliche Detailbeschreibung der deutschen Kleinodien, mit Illu- 
strationen in Holzschnitt, haben wir als Einleitung zu dem angekündigten 
grossen Prachtwerke in der k. k. Staaxsdruckerei in Wien, in dem Märw, 
April- und Mai-Hefte des Jahres 1857 der "Mittheilungen der k. k. 
Central-Commission zur Erhaltung der Denkmale" vorläufig veröffentlicht 
und verweisen wir, der Kürze obiger Andeutungen wegen, auf diese Vor- 
arbeit. 
1) Neuere Orientalisten haben, fussend auf den Luxus und die Ueppigkeit, die 
am Hofe der Normannen-Könige, der Nachkommen des Grafen Tancred von 
Hauteville herrschte, in diesem Gewandhause oder königLManufactur eine Art 
yüvqCelor erkennen wollen, das ein anständiger Ausdruck für eine Art 
von Harem gewesen sei. Wenn auch das Sympathisiren einzelner siciliuni-
        

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