Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3782
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meistens nach Art unserer heutigen Teppiche auf grober dicker 
Leinwand in Yvolle kunstreieh gestickt, oder auch aus einzelnen 
Compartiznenten ven schwerem Tuche vielfarbig zusammengesetzt, 
waren in der ältesten Zeit nicht so sehr mit figürlichen Darstel- 
lungen belebt, sondern mehr mit Ornamenten, meistens symboli- 
scher Natur, die aus dem Thier- und Pflanzenreieh gewählt Wa- 
ren. 1) Die zarte Scheu des Mittelalters, das Heilige zu profa- 
niren, vermied es sorgfältig, den detaillirten Beschreibungen äl- 
terer Schriftsteller zufolge, die uns vorliegen, symbolische Dar- 
stellungen, die auf Gott und seine Heiligen Bezug hatten, in 
Teppichen für den Fussboden anzubringen. Solche Darstellungen 
und Symbole wandte man vielmehr an, um mit demselben grüssere 
Teppichwerke, Hcortina", auszuschrnüeken, die bestimmt waren, 
bei grössern kirchlichen Feierlichkeiten die untern Umfangsmauern 
unter den Fenstern der Chorabsis und den niedern Absperrungs- 
mauern, "eancelli", des engern Presbyteriums zu verdecken. 
Diese letztern "Dorsalbehänge" boten den Kunstwirkern und 
Kunststiekern der beregten Epoche eine erwünschte Veranlassung, 
einen grössern zusammenhängenden Bilder-Cyclus, der h. Schrift 
oder dem Leben der Heiligen und Kirchenpatronc entnommen, 
zur Darstellung zu bringen. Der ganze engere Chorraum des 
Domes zu Halberstadt, dessen Sacristei und Gewandschränke heute 
noch einen grossartigen, leider ausser Gebrauch beündliehen Schatz 
reich gestickter Messornate besitzt, bewahrt an den ausgedehn- 
ten Absperruugswänden des innern Chores einen seltenen Kunst- 
schatz von wohlerhaltenen alten Behängcn („tapeeia"), wie sie 
als Dorsalbekleidung an dieser Stelle in den Stiftskirchen des 
XI. und XII. Jahrhunderts nicht selten angetroffen wurden. 
Trügt uns nicht ein Stylgefühl, so möchten Wir diese Teppich- 
wirkereien, einzig in ihrer Art, dem XI. Jahrhundert zuweisen. 
Dieselben, in Wolle gearbeitet, bringen in langer Reihe zusam- 
menhängende Scenen aus dem Alten und Neuen Testamente zur 
Darstellung. 2) Zweifelsohne bewahrten die reichen Stifter zu 
 
Kürzlich waren wir so glücklich, in der hiesigen Gereonskirche eine äusserst 
seltene "tapecin" aus dem Beginne des XII. Jahrhunderts zu Tage fördern 
zu helfen, die unstreitig als das älteste scenerirme Gewebe zu bezeichnen 
ist, des sich in dieser Technik und Composition am Rheine bis auf unsere 
Tage gerettet hat. Von runden Kreismedaillons umgeben erblickt man, 
immer wieder zurückkehrend, den Kampf eines vierfüssigen Ungelzhüms mit 
dem geflügelten Greifen. Dieser merkwürdige Teppich, ein haute-lisse 
in eigenthiimlicher Technik, ist gewirkt (fait au mezier) und nicht gestickt. 
Vgl. Der Dom zu Halberstadt, von Dr. Lacanus. Im Privetbesitze dieses 
Archäologen sehen wir noch einige grössere Ueberreste von gewirkten Tep-
        

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