Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3601
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Künstler hinsichtlich der leitenden Idee und der einzuhaltenden Form 
angewiesen war, 1) so waren, unserer Ueberzeugung nach, die Stik- 
kerinnen im Mittelalter in mehr als einer Beziehung von dem 
schaffenden Zeichner, dem Maler abhängig. Denn derselbe hatte 
bei umfangreichem scenerirten Stickereien in vielen Farben nicht 
nur eine grössere farbige Mustervorlage der ganzen Arbeit an- 
zufertigen, sondern er musste auch zuweilen bei schwierigen 
Arbeiten mit fester Hand die Umrisse und Sehattirungen selbst 
auf die Stiekleinwand hinzeiehnen, nach Welcher mit grösserer 
Sicherheit die Stickerin ihre Kunstarbeiten sofort ausführte. 
Wir haben selbst sogar alte schadhaft gewordene Stickereien vor- 
gefunden, auf deren Unterlage der leitende Componist nicht nur in 
scharfen Umrissen seine Figuren vorher gezeichnet, sondern WO 
er auch in leichten Farben jene Töne und Sehattirungen hin- 
gemalt hatte, die durch die Hand der Stickerin in glänzender 
Seide sollten ersetzt werden. 
Als zweites hervorragendes Meisterwerk, das sich aus dem 
Beginne des XI. Jahrhunderts bis auf unsere Zeiten gerettet 
hat, erscheinen jene prachtvollen Messgewänder, die heute noch 
dem "vestiarium" des Bamberger Domes als die einzigen Ueber- 
reste seines kaiserlichen Gründers zur dauernden Zierde ge- 
reichen. Es sind dies nämlich jene drei prächtig in Gold ge- 
stickten iigurenreichen Gewänder, die Kaiser Heinrich II., der 
Heilige, und seine Gemahlin, die fromme Kunigunde, ihrer 
Lieblingsstiftung Bamberg zum Geschenk verehrt haben. Be- 
kanntlich war Gisela, die Gemahlin des Königs Stephan von 
Ungarn, von der, wie oben gezeigt wurde, der ungarische Kö- 
nigsmantel herrührt, eine Tochter HeinricHs des Streitsüchtigen, 
Herzogs von Baiern, und somit eine Schwester des Kaisers 
Heinrich des Heiligen. Die merkwürdigen Kaisergewänder im 
Dome zu Bamberg sind mithin ihrer Entstehungszeit nach als 
gleichzeitig mit dem oben beschriebenen Gewande der Königin 
Gisela anzusetzen. Zwei dieser Gewänder, die der heil. Kuni- 
gunde zugeschrieben werden und die man zu Messgewändern 
in Gloekenform ohne Ausschnitt später eingerichtet hat, haben 
durch die Unbilden der Zeit so bedeutend gelitten, dass die 
eingestickten Dessins schwer noch wiederherzustellen sein dürften. 
 
So fanden wir auf verschiedenen reich gearbeiteten kirchlichen Gefässen 
zuweilen den Künstler, der als Componist Idee und Form angegeben haue, 
mit dem Ausdrucke „nuctor' benannt, und der ausführende Meister, der 
der Idee in Metall Leben verschafft hatte, wurde als „factor" bezeichnet.
        

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