Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3538
 
157 
eine geraume Zeit, bis auch für tigürliche scenerirte Darstellungen 
die typischen, von den Byzantinern ererbten Formen in der bil_ 
denden Kunst, und namentlich bei grössern figürlichen Stickereien 
vollständig das Bürgerrecht verloren und als antiquirt bei Seite 
geschoben Wurden; bei ornamentalen, der vegetabilischen und 
animalischen Schöpfung entnommenen Darstellungen machen sich 
jedoch schon gegen Ende des XI. Jahrhunderts sowohl auf dem 
Gebiete der lnitial- und Ornamental-Malerei als auch auf dem 
der decorativen Stickerei selbstständige Imiißnaiß Eilliiüsße und 
Gestaltungen bemerkbar. Je mehr nun die WVand- und Flächen- 
Malerei im Dienste der Kirche sich zu entwickeln beginnt, desto 
mehr fühlt sich auch die Stickerei durch die iVißißfßi bedingt, und 
von derselben abhängig, zu grössern scenerirten Leistungen zur 
Belebung weiter Bllächen vorzüglich an lifurgiSßhen Gewändern, 
Vorhängen, Teppichen etc. aufgelegt, Als die älteste und zu- 
gleich grossartigste kirchliche Stickerei, die 11118 auf längere F01" 
schungsreisen zu Gesicht gekommen ist, nennen Wir in erster 
Reihe den altehrwürdigen Krönungsmantel der Könige von Un- 
garn, jene "casula", die die kunstsinnige Königin Gisela, Gemahlin 
Stephans des Heiligen, mit eigenen Händen angefertigt hat. Die- 
ses Prachtwerk kann als Beweis angeführt werden, dass, Wie Oben 
gesagt, schon mit dem XI. Jahrhundert die kirchliche Stißkkuflst 
sich grossartiger und selbstständiger im Occidente zu entfalten be- 
gann. Glücklicher Weise hat sich auf derselben, in orientailßßhem 
Gold gestickt, eine detaillirte Inschrift unverletzt erhalten, die uns 
vollständige Sicherheit hinsichtlich der Entstehungszeit dieser 
Perle frühromanischer Stickkunst darbietet 1) Einer Allerhöch- 
sten grossmüthigen Erlaubniss Sr. K. K. Apostol. Majestät des 
Kaisers von Oesterreich ist es zuzuschreiben, dass es gnädlgst 
gestattet wurde, eine besondere Eröffnung des ungarischen 
Kronschatzes auf dem kaiserlichen Schlosse zu Ofen böhufs der 
archaeologischen Copirung der einzelnen Kroninsignien eigens zu 
veranstalten. Bei dieser Gelegenheit haben W11", unterstützt Voll 
geübten Zöglingen der höhern Gewerbschulle zu Pesth, zum er- 
sten Male eine genaue Durchpause der vielen figürlichen und 
ornamentalen Darstellungen auf dem altehrwürdigen Üriginale in 
natürlicher Grüsse mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit vorneh- 
men lassen. Der Director der k. k. Hof- und Staatsdruckerei, 
Diese in frühromauischen Majuskeln gestickte Inschrift lautet: „Casu1a hec 
data er operam esl: Eeclesie Sße. Marie sice in civitace Alba. anno abincar- 
natione Christi MXXXI, indictione XIV a Stephano rege et Gisla. reginßu" 
11'"
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.