Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3201
 
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den durch musivische Ornamente Leben und Sprache zu ver- 
leihen. Dieselbe Sucht nach farbigen vielgestaltigen Darstellungen 
ermuthigte schon in sehr früher Zeit zu dem Versuche, profane 
und religiöse Kleidungsstücke, namentlich aber die Feierkleider 
und Prachtgewänder der Opferpriester, Fürsten und Könige durch 
eingestickte Ornamente zu bereichern und auszuschmücken. Der 
Gebrauch, den Gewändern mittels kunstvoller Stickereien mehr 
Ausdruck und Würde zu verleihen, scheint im höchsten Alter- 
thume bei den verschiedenen Culturvölkern schon deswegen Anf- 
nahme gefunden zu haben, weil es der Weberei in ihrer ersten 
Entwiekelungsperiode noch nicht gelingen mochte, durch kunstrei- 
ches Einwirken vielfarbiger Dessins dem obengedachten natürlichen 
Drange nach vielgestaltiger Abwechselung Vorschub zu leist.en. 
Die Muster, die also die Kunst des Webens noch nicht zu 
erzielen im Stande war, suchte bereits im höchsten Alterthume 
die geschickte Hand durch eingestickte Ornamente, theilweise der 
vegetabilischen, theilweise der animalischen Schöpfung entlehnt, 
mit der Nadel zu ergänzen, 
Schon der alte Homer, um so weit zurück zu greifen, weiss 
an vielen Stellen der Ilias Manches von der Kunstfertigkeit zu 
erzählen, mit welcher seine Heldinnen der damals schon viel- 
fach geübten Technik des Stickens oblagen. Er spricht daselbst 
von reichgestickten sydonischen Stoffen, der Kunstarbeit phönici- 
scher Frauen;  selbst die hervorragendste Grösse seines be- 
rühmten Epos, die vielbesungene Helena, zeichnete sich vor allen 
Frauen ihres Vaterlandes vornehmlich aus durch die Leichtigkeit, 
mit Welcher sie die Kunst des freien Handstickens betrieb. Sogar 
die Göttinnen des Olymps verschmähen es nicht, dem Homer zu- 
folge, ihre Mussestunden mit Anfertigung kunstreicher Sticke- 
reien auszufüllen, 1) 
Auch der lateinische Homer, Virgil, spricht an vielen Stellen 
seiner "Georgica" und seiner "Aeneis" von kunstreichen Stickereien, 
wenn seine desfallsigen Bezeichnungen: „auro intexti", auf Nadel- 
arbeiten und nicht auf eingewebte Dessins zu deuten sind. S0 
lässt Virgil in seiner Aeneis 2) den Cleanthus als Sieger nach 
einem Seetreffen auf's herrlichste bekleidet werden mit einem 
kostbaren Mantel, worin die Kunst das Reichste entfaltet hatte, 
was in figürlichen scenerirten Darstellungen die geschickte Nadel 
der klassischen Heroenzeit erzielen konnte. 
L 
ß 
Ilias, cap. VIII, v. 384; 
Aeu. lib. V., v. 250. 
ibid. 
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XIV-v 
178.
        

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