Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2714
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Weberei und Stickerei auf die Sculptur auch für das minder ge- 
übte Auge handgreiflich zu erkennen und wäre es vielen Lyo- 
ner Fabrikanten von Kirchenstoffen gewiss dringend anzurathen, 
dass sie sämmtlich eine Wallfahrt nach Chartres anstellten, um 
von den in Stein künstlich dargestellten Ornamenten, sämmtlich 
getreue Nachbildungen von Stickereien und Webereien des XIII. 
Jahrhunderts, zu lernen, wie auch heute wiederum einfache und 
würdige Kirchenornate stofflich und decorativ darzustellen seien. 
Wie gross der Einfluss der Weberei des Mittelalters auf die 
in Italien bereits gegen Mitte des XIII. Jahrhunderts selbständi- 
ger gewordene Malerei war, bezeugen die vielen Ueberreste grösse- 
rer bildlicher Darstellungen von Cimabue und seiner Schule. Die 
zierlich geordnete Draperie mit den vielen kleinen geradlinigen 
Falten sind nicht nur Beleg, dass die italiänische Malerei im XIII_ 
Jahrhundert noch nicht vollständig die Reminiscensen der byzan- 
tinischen Lehrmeister überwunden hatte , sondern die Staffirung 
der Bilder dieser Schule spricht dafür, dass die stoffliche Beschaf- 
fenheit der liturgischen Gewebe damaliger Zeit und deren orna- 
mentale Ausstattung für die religiöse Malerei der gedachten Schule 
in vielen Stücken maassgebcnd war. Erst Giotto und seine Nach- 
folger brachen vollständig die hierarchisch typische Fessel, wodurch 
seither im Abendlande die Malerei beengt war, und verliehen da- 
durch ihren Schöpfungen eine grössere Natur-Wahrheit, nicht nur 
allein in Bezug auf körperliche Formbildungen, sondern auch in 
Anordnung und Stafiirung der Gewänder. Der "palazzo degli Uf- 
fici" in Florenz mit seiner reichhaltigen chronologisch wissenschaft- 
lichen Reihenfolge von altitaliänischen religiösen Bildern bezeugt hin- 
länglich, dass bei dem Losreissen der italianischen Malerschule 
von den verknöcherten Ueberlieferungen des in lebensloser Erstar- 
rung übergehenden Byzantinismus ein noch engeres Anschliessen 
der Malerei hinsichtlich der naturstrengen Darstellung der damals 
gebräuchlichen Seidenstoffe und kirchlichen Gewänder stattfand. 
Dieser bedingcnde Einfluss der Weberei und Stickerei auf die 
kirchliche Malerei macht sich augenfällig im XIV. u. XV. J ahrh. in 
den sienesischen und florentinischen Malerschulen geltend, beson- 
ders als Fra Angelico da Fiesole und seine Schule das natürlich 
Schöne und Edle so zart und kindlich mit dem Erhabenen und 
Ueberirdischen zu verpaaren gewusst hatte. Ausser den kleinern 
gewändern, zu Stolen, Manipeln, Mitren, Sandalen am; sogar das Gewebe der 
Handschuhe mit darauf gesticktem Ornamenten ist fast ängstlich von dem Bi1d. 
hauer im harten Steine nachgeahmt worden.
        

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