Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2692
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stellungen gelten daher de1n höhern Geistigen , nicht dem nie- 
drigen Sinnlichen; deswegen tritt denn von jetzt ab der mensch- 
liche Körper, in seiner Nacktheit der Repräsentant des Sündenfalles, 
in den Hintergrund und die christliche Kunst ist seit ihrer Los- 
schälung von den Reminiscensen der heidnischen Vorgängerin von 
den frühesten Zeiten bis zur Renaissance bemüht gewesen, durch 
faltenreiche Gewänder, durch eine schöne Anordnung der Dra- 
perie den Körper in seinen niedrigen Theilen möglichst verschwin- 
den zu lassen. Mit einem Worte: die christliche Kunst wollte 
das Höhere, Geistige im Bilde veranschaulichen; das Körperliche 
war ihr dabei stets ein hinderlicher Ballast, dessen sinnlich wir- 
kenden Einfluss sie durch Anwendung faltenreicher Gewandstoffe 
zu paralysiren suchte. Die bildende Kunst im Mittelalter war 
also namentlich auf eine reiche Staffirung der Gewänder, auf 
eine künstlerische Anordnung der Gewandmassen angewiesen. Man 
nahm daher bei Composition von Heiligenbildern im Mittelalter 
weniger zu lebenden Modellen, um körperlich vollendete, schöne 
Formen zu erzielen, seine Zuflucht, sondern der Künstler suchte 
durch sinnreiehe Anordnung der Gewänder und durch zarte oft 
ängstliche Behandlung der Stoffe eine religiös ernste, hierarchische 
YVeihe seinen Schöpfungen zu geben. Die bildende Kunst bediente sich 
deswegen bei Darstellung von Heiligen meistens jener kostbaren 
Stoffe, wie sie in der Kirche an den liturgischen Gewändern an- 
gewandt waren. 1) So kleidete man die Engel in Alben, Stolen, 
Tunieellen, Pluvialen; Kaiser, Bischöfe, Päpste erscheinen in fal- 
tenreichen Pontificalgewändern , die so in Hinsicht der Drapi- 
rung gehalten sind, dass man heute noch nicht nur die Art des 
Gewebes, das der Künstler im Mittelalter oft in Wirklichkeit vor 
Augen hatte , annähernd bestimmen kann, sondern dass auch ein 
in etwa geübtes Auge aus den in den Stoffen fast ängstlich nachge- 
ahmten Dessins oder Stickereien die Zeit ungefähr angeben kann, wo 
die betreffende Sculptur oder Malerei ihr Entstehen gefunden hat. 
Bis zum XII. Jahrhundert waren die edeln Stoffe, wie in ei- 
nem frühern Capitel ausführlicher zu ersehen ist, meist noch leicht 
1) Da Kunst und Künstler im Mittelalter ein streng kirchliches Gepräge hatten 
und mit dem Geistlichen in steter Wechselbeziehung standen; da. ferner 
Seulptur und Malerei namentlich bis zum XIII. Jahrhundert häufig von den 
Geistlichen selbst oder unter deren spccieller Leitung gepflegt wurde, so ist 
es sehr erklärlich, dass man zur Darstellung bestimmter Heiligenfigurcn fal- 
tenrciche Gewänder aus den Sacristcien entlehnte, um auf diese Weise nicht 
nur die richtige Form der kirchlichen Kleidung zu entnehmen , sondern um 
auch mit diesen reichen fliessenden Gewändern eine schöne Drapirung ver- 
suchen und selbst die darin befindlichen Dessins nachahmen zu können. 
x Liturgische Gewänder.  8
        

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