Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2521
Die dritte Periode der Seidenmanufactur füllte den Zeitraum 
von Kaiser Carl IV. bis auf Carl V. (1519-56) aus, ein Zeitraum, 
in welchem der Einfluss orientalischer Vorbilder hinsichtlich der 
Fabrication, der Farbenwahl und Muster in den occidentalischen 
Seidenzeugen erloschen ist und in welchem sich die volle Einwir- 
kung germanisch christlicher Formenbildungen auf die seitherigen 
romanischen Ornamentationen geltend macht; wir möchten diese 
dritte und letzte Periode mittelalterlicher Seidenfabrication vor- 
zugsweise als die germanisch-romanische Epoche kennzeichnen. 
Diese Stoffe der eben bezeichneten Periode, nach den orna- 
mentalen Gesetzen der Gothik systematisch hinsichtlich ihrer Des- 
sins entwickelt, verschmähen es, den Reiz des früher in Stoffen 
so beliebten "bestiaire" geltend zu machen und ziehen es vor, ein 
eigenthümliches reines Pilanzenornament einzusetzen, das wir auf 
Seite 87 u. 88 näher zu charakterisiren versucht haben. Aehnlich wie die 
heute in modernen Stoffen so beliebte "Palmette", die in ihrer pri- 
mitiven Gestalt schon im_ XII. Jahrhundert in orientalischen Ge- 
weben vorkommt, hat sich in den spanischen, französischen, {lan- 
drischen und italiänischen WVebereien dieses stereotype Pflanzen- 
motiv lange Jahre hindurch in einer Weise erhalten, dass man in 
jedem Dessin die germanische Grundidee sich durchspielen sieht 
unter dem modificirenden Einilusse traditioneller, spanischer, fran- 
zösischer oder italiänischer Detailformen. WVas die Textur betrifft, 
so herrscht in diesen reichen Stoffen meistens das Damastgewebe 
vor; auch schwere Sammetstoffe mit geschnittenen Dessins waren 
sehr an der Tagesordnung. Durch die reiche Brochirung dieser 
vielfarbigen gothisirenden Seidengewebe sind die Stoffe in der Re- 
gel sehr schwer und nicht geeignet, einen Hiesscnden wellenfürmi- 
gen Faltenbruch zuzulassen. 
Mit dem Aufkommen der in Italien vorzüglich durch die Me- 
dicäerwieder zu Ehren gelangten classisch griechischen und römi- 
schen d. h. heidnischen Kunstformen, geht im XV. Jahrhundert 
der Typus dergermanisch italianischen, traditionellen Kunstweisc 
wie in allen Zweigen der bildenden Kunst, so auch in der We- 
berei, nach und nach zuerst in Italien verloren. Daher zeigen denn 
auch die florentinischen Seidengewebe schon in der letzten Hälfte des 
XV. Jahrhunderts eine nicht unmerkliche Incljnation zu der das- 
sischen Antike. Das breite Akanthusblatt und der übrige Blät- 
terschmuck, wie er sich oft im bunten Durcheinander an dem ko- 
rinthischen Capitäl entfaltet, findet meistens in missverstandener 
Auflassung in den italiänischen Geweben des XVI. Jahrhunderts 
seine immer wiederkehrende Vertretung. Zwar erhielt sich in der
        

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