Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2282
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zweigen des Mittelalters zuwendet, so glaubten wir den Grund- 
eharakter dieser selten gewordenen Stoffe bei dieser Gelegenheit 
OtWZLS ausführlicher kennzeichnen zu müssen. Es sei uns hier noch 
gestattet darauf hinzudeuten, aus welchen Gründen merkwürdige 
Gewebe der angegebenen Kunstepoche seltener geworden sind. 
In den Sacristeien und Gewandsehränken der katholischen 
Kirchen werden Stoffe und Stickereien aus dem XIII. und XIV. 
Jahrhundert nicht häufig mehr angetroffen. 
Einige wenige Reminiscenzen aus dieser Kunstepochc findet 
man. wohl noch in den Schubladen und Kästen der Gcwandkam- 
mern, wo oft im bunten Durcheinander unbrauchbar gewordene 
Ornatstücke noch ein letztes bescheidenes Asyl gefunden haben. 
Der Grund, weswegen gerade in katholischen Kirchen 
WVebereien aus jener fernliegenden Periode sich selten mehr vor- 
finden, ist einfach in dem Umstande zu suchen, dass die Gewän- 
der des XIII. und XIV. Jahrhunderts durch den häufigen Ge- 
brauch abgenutzt und beschädigt, endlich im XVII. Jahrhundert 
als veraltert und unwürdig für den Cultus bei Seite geschoben und 
durch neue Gewänder im Style der Pompadour-Zeit ersetzt wur- 
den. Und da in der Zeit Louis, XIV., aus welcher die meisten 
überladenen und zugeschnittenen „ alten " Prachtgewänder in den heuti- 
gen Sacristeien herrühren, nur das allein für schön und zweckmassig 
befunden wurde, was sich dem damals herrschenden Schnürkelstyle 
fügte, so wusste man mit den alten unschön und schadhaft geworde- 
nen Gewändern nichts Besseres zu thuen, als dass man dieselben den 
gestorbenen Mitgliedern der Stifts-, Kloster- und Pfarrgeistlichkeit, 
wie das heute an vielen Orten noch der Brauch ist, als Sepultu- 
ralkleidung mit inis Grab gab. 1) 
Da man ferner am allerwenigsten im XVII. und XVIII. Jahr- 
hundert eine ältere Stickerei oder WVeberei, vom Standpunkte der 
Kunst, zu würdigen wusste; so sind gewiss auch viele alte unbrauch- 
bar gewordene Ornatstficke des frühern Mittelalters, um sie vor 
Profatiation zu schützen , verbrannt worden, wie das eine ältere 
kirchliche Verordnung vorschreibt. Eine noch unvergleichlich 
grüssere Zahl von Kunstwirkereien ist zugleich mit einer Menge 
der herrlichsten Kunstschätze verschleudert und verbrannt wor- 
den in jener Zeit, als von Staatswegen das langjährige geheiligte 
So soll noch in den letzten Jahren der verstorbene Pfarrer von einer Ge- 
meinde in der Nähe von Geldern in einem alten Messgewand mit reichen Fi- 
gurstickereien beerdigt worden sein; auch in Trier ist noch kürzlich ein ähn- 
licher Fall vorgekommen.
        

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