Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1200347
Maler 
Die 
Zeit des laeloponnesischen 
Krieges. 
Spannung; aber auch ihre Darstellung verlangt nicht minder das sorgfältigste 
Eingehen gerade auf diejenigen Formen und Züge, in denen die Aeusserung 
psychologischer Zustände und Stimmungen ihren Sitz hat. 
Wenn demnach unsere Behauptung, dass Parrhasios vorzugsweise auf 
ihre Schilderung sein Augenmerk gerichtet habe, durch mehrere und be- 
sonders bezeichnende unter seinen Werken bestätigt wird, so scheint hingegen 
ein directes Zeugniss eines sonst unverwerflichen Gewahrsrnannes damit in ge- 
radem Gegensatze zu stehen. Quintilian 1) sagt nemlich von Parrhasios: „er 
habe alles so umsichtig durchgebildet, dass man ihn den Gesetzgeber nenne, 
weil in den Bildern der Götter und Heroen, wie sie von ihm überliefert wären, 
die übrigen ihm folgten, als ob es so nothwendig sei". Denn nach diesen 
Worten sollte man glauben, das Verdienst des Parrhasios beruhe darin, gewis- 
sermassen einen Kanon für die Idealbildung der Götter und Heroen in der 
Malerei festgestellt zu haben. Aber schon der Umstand, dass unter den Werken 
des Parrhasios kaum ein einziges Götterbild, und keins mit besonderer Aus- 
Zeichnung genannt wird, muss uns darauf hinweisen, dass wir das Zeugniss 
Quintilians nicht im einfachsten Wortsinne, sondern nur unter gewissen Be- 
schränkungen annehmen dürfen. Diese erscheinen aber auch durch den Zu- 
sammenhang geboten, in welchem es sich bei Quintilian findet. Dort wird un- 
mittelbar vorher das Verdienst des Zeuxis um Licht und Schatten, das eigent- 
lich Malerische in der Malerei, gerühmt und daran die Bemerkung geknüpft, 
dass dieser Künstler (doch wohl in Folge dieser Bestrebungen) den Formen 
eine grössere Fülle gegeben habe. Dies, müssen wir Wegen des Folgenden im 
Gedanken ergänzen, ist eine persönliche, wenn auch nicht zu tadelnde, doch eben 114 
so wenig zu allgemeiner Nachahmung zu empfehlende Eigenthürnlichkeit. Parr- 
hasios dagegen, heisst es nun weiter, ist wegen seiner feinen Kenntniss der 
Linien (und der auf ihr beruhenden genaueren Durchbildung" der Form) ein 
mustergültiges Vorbild. Denn in der Betonung der Sorgfalt und Umsicht durch 
die Worte: ille vero ita circumspicit omnia, ut eum legumlatorem vocent, liegt 
eine so deutliche Beziehung auf den vorher gewählten Ausdruck der Subtilität: 
exarninasse subtilius lineas traditur, dass dagegen das Folgende: quia deorum 
atque heroum effigies, quales ab eo sunt traditae, ceteri tamquam ita necesse 
sit, sequuntur, fast nur wie ein erklärender Zusatz erscheint, dessen Wortlaut 
sich zunächst wenigstens in so weit rechtfertigen lässt, als Parrhasios seine 
Kunst weniger an Portraits und historischen Gegenständen, als an mytholo- 
gischen Darstellungen übte. Fassen wir indessen scharf ins Auge, was wir 
bisher über die Eigenthümlichkeit des Parrhasios festgestellt haben, so werden 
wir dem Urtheile Quintilians auch eine strengere Deutung zu geben vermögen, 
nemlich in dem Sinne, dass die von ihm aufgestellten psychologischen Charak- 
tere wegen ihrer psychologischen Wahrheit den Uebrigen als Vorbild und Muster 
vorleuchteten. Freilich konnten in Werken der Malerei, wo stets die besondere 
Motivirung der Handlung einen bedeutenden Einfluss auf die Darstellung jeder 
einzelnen Figur gewinnen muss, nicht, wie bei der Nachbildung plastischer 
Ideale, ganze Gestalten in allem Wesentlichen unverändert benutzt und förm- 
XII,
        

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