Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1200290
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Die 
Maler. 
schnitten erscheinen. sondern dass jede Form sich abrunde, und das Auge aus 
der Gestalt des ihm sichtbaren Theiles auf die von ihm abgewendeten schliessen 
könne, das zu erreichen, genügt noch keineswegs die Kenntniss der einfachen 
oder direkten Wirkungen des Lichtes. Ein der Wirklichkeit entsprechender 
Eindruck entsteht in dem Kunstwerke erst durch die genaue Beobachtung der 
Lichtbrechungen und Reflexe, welche sich mehr oder minder an allen abge- 
rundeten Körpern und zwar ganz besonders gegen die Umrisse derselben hin 
zeigen müssen. Sind diese nun an den Extremitäten wegen der zahlreichen 
Gliederungen derselben am complicirtesten, so erklärt sich daraus, wie der 
Künstler, welcher ihre Bedeutung für die Malerei zuerst erkannt hatte, ihnen 
auch an diesen Theilen vorzugsweise seine Aufmerksamkeit widmete, während 
106 er „mit sich selbst verglichen" in den mittleren Partien des Körpers, wo es 
sich mehr um Darstellung von Flächen handelte, minder tüchtig erschien. 
Hiermit hängt aber auch das Lob zusammen, welches Plinius dem Parr- 
hasios wegen der Behandlung des Haares ertheilt. Denn bei diesem machen 
sich dieselben Forderungen geltend, wie bei den Extremitäten: ja man könnte 
sagen, sie seien eine unendliche Zahl von Extremitäten. Aber freilich macht 
gerade diese Unendlichkeit die Nachahmung der Wirklichkeit in allen ihren 
Einzelheiten noch mehr als sonst zur Unmöglichkeit. Die Kunst muss sich 
hier mit dem Scheine begnügen, indem sie sich darauf beschränkt, eines Theils 
den Wuchs des Haares in bestimmter Weise zu charakterisiren, andern Theils 
die Masse desselben in grössere und kleinere Partien zu sondern. Ersteres be- 
ruht wesentlich auf der Zeichnung im engeren Sinne; das Zweite erheischt eine 
feineiBeobachtung der Lichtwirkungen und Reflexe, wodurch allein es möglich 
wird, den Eindruck des Lockern, Leichten und Durchsichtigen aus der Wirk- 
lichkeit in das Kunstwerk zu übertragen. Indessen möchte der von Plinius 
gewählte Ausdruck elegantia das eigenthümliche Verdienst des Parrhasios nur 
zum Theil bezeichnen: denn aus der Weise, wie in dem oben angeführten 
Epigramme das wilde, verbrannte Haar des Philoktet geschildert wird, müssen 
wir schliessen, dass Parrhasios das Haar nicht als einen gleichgültigen Schmuck 
des Hauptes betrachtet, sondern sich desselben zur schärferen Charakteristik, 
zur Verstärkung des geistigen Ausdrucks bedient habe. 
Näheren Bezug auf den Letzteren nehmen schon die Worte, mit denen 
Plinius von den besonderen Verdiensten in der Bildung der Augen und des 
Mundes spricht: argutias voltus, venustatem oris. Aber auch sie hängen auf 
das Engste mit den bisher betrachteten Eigenthümlichkeiten zusammen. Hin- 
sichtlich des Mundes hatte schon Polygnot die aus einer leisen (Jeffnung des- 
selben entspringenden Vortheile erkannt; aber bei den ungenügenden technischen 
Mitteln seiner Zeit vermochte er dieselben nur in sehr bedingter Weise für sich 
zu benutzen. Ganz derselben Beschränkung müssen wir auch das Lob unter- 
werfen, dass er an die Stelle der alten Strenge eine grössere Mannigfaltigkeit 
107 im Ausdrucke der Gesichtszüge (voltum) setzte. Wenn nun Parrhasios wesent- 
lich über die Leistungen des Polygnot hinausging, so erreichte er dies materiell 
in ähnlicher Weise wie bei den Extremitäten, nämlich durch eine auf das Feinste 
in Zeichnung und Modellirung durchgebildete Formenbehandlung. 
So weit es sich also um die Mittel künstlerischer Darstellung handelt,
        

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