Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1200176
Maler. 
Die 
„mores pinxisse videtur" wörtlich auf Euripides anwenden, wenn er uns nach 
88 Welcker's Ausdruck im Hippolytos das Bild eines neumodisch frommen, von 
den Orpheotelesten erzogenen Tugendhelden seiner Zeit verführt. Wir pflegen 
solche Gestalten Charaktere zu nennen, und haben dazu auch ein Recht, inso- 
fern sie durch bestimmt ausgeprägte Eigenschaften kenntlich und von andern 
unterschieden werden. Aber diese Eigenschaften sind weniger individuell, als 
einer ganzen Gattung angehörig; und Wir müssen daher diese allgemeinen oder, 
so zu sagen, Gattungscharactere, in denen wir nach Lessings 1) Bemerkung 
"mehr die personificirte Idee eines Charakters, als eine charakterisirte Person" 
erkennen, von den persönlichen Charakteren bestimmt scheiden, deren Eigen- 
thümlichkeiten in ihrer besonderen Vereinigung überhaupt nur einmal und nur 
in einer einzigen Person gefunden werden. Da aber die historische Kunst im 
strengen Sinne ohne Darstellung von Charakteren der letzteren Art (lurclmus 
nicht bestehen kann, so sind wir hiermit Wieder auf den Satz zurückgeführt, 
dass Zeuxis zu den Vertretern derselben nicht gerechnet werden darf. 
Dennoch könnte es nach den bisherigen Erörterungen immer noch scheinen, 
als sei das Hauptverdienst in den YVerken des Zeuxis vorzugsweise in der 
geistigen Auffassung zu suchen. Wir werden daher noch einige andere Werke 
ins Auge fassen müssen, und zwar gerade solche, auf welche der Künstler selbst 
seinen Stolz begründen zu dürfen glaubte. Ich meine zunächst sein Bild der 
Helena, Wenn er, wie erzählt wird, aus den Jungfrauen einer ganzen Stadt fünf 
der schönsten auswählte, um die Vorzüge einer jeden unter ihnen in dem einen 
Bilde zu vereinigen, so konnte es unmöglich seine Absicht sein, auf diesem 
Wege die geistige Eigenthümlichkeit der Helena schildern zu Wollen, sondern 
seine Aufmerksamkeit musste um so mehr, als er sie unbekleidet darstellte, 
von vorn herein auf das Aeussere, die Schönheit der körperlichen Erscheinung 
gerichtet sein: ut excellentem muliebris formae pulchritudinem rnuta in sese 
imago contineret, wie Cicero sagt. Dadurch ist allerdings ein Streben nach 
ldealität nicht ausgeschlossen: es verräth sich im Gegentheil darin, dass der 
Künstler aus mehreren Modellen ein Musterbild zu entwerfen unternimmt (xdx 
89 noMaäv itsgeäv ovMtoyioavn ovvääryxsil  räxvrj räletov xaÄöv nach Dionysius), 
indem er richtig erkennt, wie, was die Wirklichkeit selbst im günstigsten Falle 
bietet, mit Mängeln im Einzelnen behaftet ist. Zugleich aber zeigt doch der 
eingeschlagene Weg, dass die Rücksicht auf eben diese Wirklichkeit jene Art 
 des künstlerischen Schaffens zu überwiegen beginnt, welche das Kunstwerk als 
ein freies Product des den Gesetzen der Natur congruent bildenden Geistes er- 
scheinen lässt. In dem Gemälde der Helena sollte vielmehr, wie Gicero sich 
ausdrückt, „in das stumme Abbild aus dem lebenden Muster die Wahrheit 
übertragen werden: ut mutuni in simulacrum ex anirnali exemplo veritas trans- 
feratur". Diese Wahrheit aber, welche unmittelbar aus der Benutzung des 
Modells in das Werk übergeht, kann keine andere sein als diejenige, welche 
ich in der Geschichte der Bildhauer vielleicht etwas zu allgemein als die äussere 
bezeichnet habe, dieselbe, in welcher Praxiteles und Lysipp am weitesten vor- 
geschritten waren. Sie geht nicht sowohl das Wesen der dargestellten Dinge 
Hamb. 
Dram.
        

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