Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199880
seine 
und 
Polygnotos 
Zeitgenossen. 
Maler des Ethos beurtheilen: denn offenbar will er, wenn er Zeuxis wegen 
Mangels desselben mit den neuern Tragikern vergleicht, Polygnot den älteren 
gleich setzen. Jetzt wirdaber die Absicht deutlicher hervortreten, in welcher 
die frühern Bemerkungen über die einzelnen Figuren der delphischen Gemälde 
gemacht wurden. Sie liefern den thatsachlichen Beweis, wie bei Polygnot von 
der allgemeinen Anlage bis zu den kleinsten Besonderheiten im Einzelnen Alles 
nur darauf berechnet ist, jenes Ethos in eben so klaren, als bedeutsamen Zügen 
uns auf das Eindringlichste zur Anschauung zu bringen. 
XVenn nun nach Aristoteles der höchste Zweck der Kunst auf geistige 
Erhebung und sittliche Veredelung; gerichtet ist 1), so werden wir die Ursache. 
Weshalb Aristoteles im Grunde genommen unter allen Malern keinen höher 
Sßhatzt, als gerade Polygnot, eben in dem Verwalten des Ethos bei diesem 
Künstler suchen müssen. Und er selbst spricht dies noch ausdrücklich aus, 
indem er die Jugend vor dem Anblicke der Werke eines Pauson zu bewahren 
räth, dagegen aber anempüehlt, die des Polygnot zu betrachten und wer sonst 4-3 
noch von Malern und Bildhauern vjämög sei 2). Gerade je entfernter aber dem 
Aristoteles hier eine platt moralisirende Tendenz liegt, um so höher müssen wir 
das in seinem Urtheile erhaltene Lob anschlagen, ja wir vermögen ihm kaum 
ein anderes an die Seite zu stellen, als das, Welches die Griechen dem Zeus 
des Phidias ertheilten, indem sie sagten: der Künstler habe durch dieses YVerk 
der bestehenden Religion ein neues Moment hinzugefügt. Denn in beiden Ur- 
Üleilen spricht sich die Grundansicht aus, dass die höchsten künstlerischen nur 
im Vereine mit den höchsten sittlichen Forderungen ihre Befriedigung" finden 
können, oder mit andern Worten, dass das Schöne und Gute in ihren höchsten 
Entwickelungen  müssen. 
Auf diesem Punkte angelangt, müssen wir nochmals den Gegensatz ins 
Auge fassen, welcher in dem Urtheile des Aristoteles und dem des Plinius über 
Polygnot enthalten ist, einen Gegensatz, wie er schroffer wohl selten ausge- 
sprochen worden ist. Denn der eine lässt die eigentliche Blüthe der Malerei 
erst nach dem Tode desjenigen beginnen, welchem der andere den Ehrenplatz 
unter den Malern ertheilt. Und doch löst sich jetzt dieser Gegensatz in der 
einfachsten Weise. Plinius hat vor allem die Malerei als solche im Auge, und 
VeFmag also dem Polygnot keine hervorragende Stellung anzuweisen, da er von 
einem der wesentlichsten Theile der Malerei, von der durch Licht und Schatten 
bedingten Farbenwirkung, noch gar keinen Begriff hatte, und sogar in der 
Fßfmengelaung sich auf die geringsten Mittel beschränkt sah, indem auch hier 
eine Durchbildung im Einzelnen erst durch die Berücksichtigung von Licht und 
Schatten möglich wird. Dem Aristoteles sind ähnliche Rücksichten durchaus 
fremd: er richtet sein Augenmerk auf die von der besonderen Gattung unab- 
hängigen höchsten Endzwecke der Kunst, und es lässt sich daher sogar be- 
haupten, seine Anerkennung gelte nicht sowohl dem Polygnot als Maler, son- 
dem dem Künstler im Allgemeinen, insofern er geistige, poetische Ideen ver- 
mögt? der Kunst anschaulich darstellt. Die besondere Technik, welche er dabei 
anwendet, erscheint diesem Gesichtspunkte gegenüber durchaus untergeordnet 
Vgl. 
M üller, 
Gesch. 
Theorie 
P01. 
Vlll,
        

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