Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199874
Maler. 
Darstellungen des Polygnot bewegten sich ziemlich ausschliesslich in der Welt 
43 der Heroen. Diese steht allerdings in ihrem Wesen den Göttern noch näher, 
als das gewöhnliche Geschlecht der Menschen; aber mindestens eben so grossen 
Antheil hat sie an dem Wesen der Letzteren. Eine ldealität in gleichem Sinne, 
wie den Göttern, kann also den Heroen nicht zukommen. Wohl aber sind sie 
Ideale, insofern die besondere geistige Eigenthümlichkeit, welche das ganze 
Wesen einer Persönlichkeit bestimmt, in ihnen in ursprünglicher Reinheit aus- 
 geprägt erscheint. Und dass sie Polygnot in dieser Weise aufgefasst hatte, das 
lehren nicht nur seine delphischen Gemälde, wie wir sie früher im Einzelnen 
betrachtet haben, sondern das bestätigt auch Aristoteles noch ausdrücklich, zwar 
nur durch ein einziges Wort, dessen Bedeutung jedoch durch den Gegensatz, 
wie durch den ganzen Zusammenhang sehr scharf hervorgehoben wird. Er 
 nennt Polygnot ausgezeichnet als rjäoypdrpog, während des Zeuxis Malerei kein 
rfäog habe 1). Diesen Ausspruch thut Aristoteles bei Gelegenheit der Definition 
der Tragödie und zur Erläuterung derselben. Wir werden dagegen den um- 
 gekehrten Weg einschlagen und sein Urtheil über die Künstler aus unserer 
Kenntniss der Tragödie erklären müssen. Das Wesen derselben setzt er in die 
Darstellung der Handlung (ngagtg); diese aber solle auf dem vfäog beruhen, aus 
dem 7330;; hervorgehen. Doch sei letzteres nicht selbst Zweck: denn während 
ohne Handlung eine Tragödie überhaupt nicht denkbar sei, gäbe es dagegen 
in Wirklichkeit, namentlich unter den neueren manche, ohne Ethos. Ethos nun 
ist nach dem Sprachgebrauche des Aristoteles, der hier wegen der später modi- 
ficirten Bedeutung allein als massgebend gelten darf, der unveränderliche, von 
den einzelnen Handlungen durchaus unabhängige Charakter der Personen, durch 
welchen vielmehr die Handlungsweise des Individuums überall erst bestimmt 
wird, ohne dass die iedesmalige einzelne Situation auf ihn selbst eine Rück- 
wirkung" zu äussern vermöchtei). Dieses Ethos ist natürlich, wie keineswegs 
immer vorhanden in der Tragödie, so auch keineswegs blos in ihr zu finden. 
Homer war, mit den beiden Haupthelden seiner Gedichte beginnend, in der Auf- 
44 Stellung ethischer Charaktere allen vorangegangen; nur durfte im Epos bei der 
Mannigfaltigkeit und dem episodischen Charakter mancher Handlungen das Ethos 
häuiig nur im Allgemeinen vorausgesetzt werden, ohne dass es sich überall in 
gleicher Stärke zu manifestiren nöthig hatte. In der Tragödie dagegen bewegt 
sich alles weit strenger um eine einheitliche abgeschlossene Handlung, und die 
Personen treten gewissermassen nur deshalb selbstredend auf, um von ihrem 
Antheile an dieser Handlung Zeugniss abzulegen. Hier ist es also nöthig, dass 
sich eben dieser Antheil immer als das nothwendige Resultat der im Charakter 
der handelnden Person begründeten sittlichen Motive oitenbare 3). Und in der 
That ist dies bei den Meisterwerken der griechischen Tragödie immer der Fall; 
so bei Sophokles, so namentlich bei Aeschylos, in dessen Prometheus z. B. die 
Bedeutung des Ethos fast die Bedeutung der Handlung überwiegt. Nach sol- 
chen Charakteren müssen wir also des Aristoteles Ausspruch über Polygnot als 
 1) Poöt. G: Ö 11.1511 744g Hulfrglvwro; (QIICÜIE ÜÜOWQÖQOJ, Ü (T5 ZEÜSLÖXO; yympv) 017331 
{zu 1100;. 9) Poöt. ö: 37'191; 214-97 z? 7101,06; 1mm; Üvaf rpcelzaeaß Teig" ngcirrouru; odrer: 1719-0; 
n) TOLOÜTOV Z3 0312m? 11'711 ngorefgarrwl önofu ng. 3) Vgl. Jahn in den Ber. d. sächs. Gesellsch. 
1850, S. 103.
        

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