und
Wirkliche
Steinschneider
angebliche
Gemmeninschriften.
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Eutyches.
Ein blassgefärbter Amethyst, grösser als die gewöhnlichen vertieft geschnittenen
Steine, früher in der Sammlung Salviati, dann Golonna, später im Besitz des
Fürsten Avella zu Neapel, zeigt das sehr vertieft geschnittene vorwärts ge- 500
wandte Brusthild der Athene. Der Helm ist unten mit zwei Widderköpfen, oben
mit zwei Greifen, die Brust mit der Aegis geschmückt; die Haltung des linken
Armes erinnert an die Minerva Giustiniani, nur dass die Hand mehr erhoben,
der Elnbogen schärfer gebogen erscheint. Daneben findet sich die Inschrift:
6 1T YÄTH C
ÄIOUKO YPIA O Y
AIIEQIIOC
Stosch t. 34-; Bracci Il, 74; Gades I, H, 25; Müller u. Oesterley Denkm. II, 206.
Das Alter des Steins und die Vortrefflichkeit der Arbeit sind allgemein an-
erkannt. Dagegen behauptet Köhler S. 149, dass "diese schöne Gemme leider
durch die Aufschrift, deren Neuheit auffallend sei, verunstaltet worden." Die
Gründe, welche er dafür anführt, sind folgende: l) gäbe es keine echten Gemmen
mit dem Namen des Dioskurides; 2) „man hatte die Absicht gehabt, den Dios-
kurides zu einem Bürger von Aegä in der blühenden Landschaft Aeolis zu
machen, allein aus Unwissenheit verwandelte der Verfätlscher den Vater seines
neugeschaffenen Künstlers in einen Bürger von Aegeae in Gilicien, einer Land-
schaft, die sich durch hellenischen Sinn, Denkart und Kunst nie ausgezeichnet
hat." Dazu sei die Form AIIBAIOC sprachwidrig und kaum in Gilicien zu
dulden; und die Abkürzung BP widerstreite der Gewohnheit der Zeit des Dios-
kurides; 3) sei unser Brustbild ein im grossen Geschmacke erfundenes und aus-
geführtes gänzlich manierloses Werk und zeige mit Werken aus dem Zeitalter
des Augustus nicht die geringste Aehnlichkeit. Endlich 4-) erwecke es Ver-
dacht, dass diese Gemme plötzlich zur Zeit des Stosch zum Vorschein gekommen
sei. Eine ausführliche Widerlegung dieser Behauptungen hat bereits Tölken
in seinem Sendschreiben an die petersburger Akademie S. 24- fgde. gegeben.
Was den Namen des Dioskurides anlangt, so kann ich mich hier auf den Ar-
tikel über diesen Künstler so wie auf den späteren über Herophilos beziehen.
Die Richtigkeit der Form AIIICAIOC Weist Tölken factisch aus Münzen nach
und auch sprachlich wird sie im G. I. 7192 vollkommen gerechtfertigt. Die an
sich keineswegs unverständliche Abkürzung CF konnte einzig durch den Mangel
an Raum bedingt sein. Und warum sollte nicht in Aegeae ein Meister der
Steinschneidekunst wie Eutyches geboren sein können, da doch aus dem be-
nachbarten Soli zwei berühmte Griechen, der Dichter Arat und der Stoiker Chry-
sipp, stammen? Eben so unzulänglich ist Köhler's Bemerkung über den Styl.
Offenbar liegt der Athene des Eutyches ein berühmtes Werk der Sculptur zu
Grunde. Wissen wir aber nicht, dass gerade in der augusteischen Periode ältere
Werke in grossem Style und völlig manierlos copirt wurden? So bleibt nur
der gegen Stosch geschleuderte Vorwurf übrig, den Tölken gleichfalls zu ent-
kräften versucht hat. Seitdem ist dies aber in noch schlagenderer Weise durch
unerwartete Zeugnisse aus älterer Zeit geschehen, welche dazu den inneren
Gründen Tölken's für, die Echtheit der Inschrift die schönste äussere Bestäti-
gung gewähren. De Rossi hat nämlich in den Scheden des Gyriacus von An-