Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199777
Wal er. 
gleicht darin den Kunstforschern des vorigen Jahrhunderts, Welche von der 
'28 Malerei vor Raphael nur geringe Kenntniss haben, um so mehr aber von Zeich- 
nung, Farbe, Helldunkel u. a. seiner Zeitgenossen und Nachfolger zu erzählen 
wissen. Die Rechtfertigung, wie die Bedeutung der hier aufgestellten Sätze 
kann sich natürlich erst durch die ganze folgende Betrachtung der Geschichte 
der Malerei bis auf Apelles ergeben. 
Polygnot also malte nach Plinius die Frauen mit durchsichtigem Gewande. 
Wörtlich könnte dies nur heissen, dass er seine Gestalten mit einer Art von 
durchsichtigem Flore bekleidet habe; allein dies hätte doch nur ausnahmsweise 
der Fall sein können, wenn der Maler nicht gegen alles, was er täglich vor 
Augen sah, verstossen wollte. Der Sinn dieser Worte wird also in bestimmter 
Weise zu begrenzen sein, und zwei andere Angaben bieten uns dazu die Mittel. 
Lucian in der bekannten Stelle 1) will seine Musterschönheit in der Weise der 
Kassandra von Polygnot bekleidet haben: das Gewand auf das dünnste und 
feinste ausgearbeitet (äg rö Äsnrdrocrov ätfetgyacrttävryv), so dass es, so viel als 
nöthig, in Massen zusammengezogen sei, meist aber wie vom Winde durch- 
wehet bewegt erscheine. Ebenso legt Aelian 2) dem Polygnot Feinheiten in der 
Gewandung (iaarioav Äsnrrirryrocg) bei. In beiden Stellen stehen die Worte Äsnt- 
nirarov, Äsmrörqg in einem eigenthümlichen Doppelsinne; nemlich dass sie streng 
genommen auf die künstlerische Behandlung bezogen werden müssen, doch 
aber nur dann ihren vollen Sinn zu haben scheinen, wenn wir das Äsrtrdv, das 
Dünne und Feine auch als eine Eigenschaft des Stoffes der Gewandung selbst 
anerkennen. Es ist offenbar hier an einen Stoff zu denken, welcher sich in 
viele kleine und zarte Falten zerlegt, für dessen Darstellung in der Malerei also 
nicht weniger eine grosse Feinheit und Zartheit in der Zeichnung erfordert wird. 
Danach erscheint es sehr wohl möglich, dass die Durchsichtigkeit des Gewandes 
bei Plinius nichts anderes ausdrücken will, als was bei den griechischen Ge- 
währsmännern durch Äenrörwyg bezeichnet wird, und wir daher mehr an ein 
Durchscheinen der Form, als der Farbe des Körpers zu denken haben. Doch 
lässt sich dem Ausdrucke des Plinius vielleicht auch noch ein bestimrnterer Sinn 
unterlegen. Von Kimon, dem Vorgänger des Polygnot, hiess es, dass er die 
29 Massen der Gewandung naturgemässer gesondert habe; bei dem Mangel eigent- 
licher Schattengebung wird er aber eine volle Klarheit in der Anordnung kaum 
erreicht haben. Blicken wir nun auf die bessern der tarquiniensischen Wand- 
gemälde, doch immer die wichtigsten Werke, welche uns zur Vergleichung übrig; 
geblieben sind, so werden wir finden, dass man sich diesem Ziele zu nähern 
suchte, indem man unter dem Gewande den vollständigen Umriss der Figur 
selbst sehen liess, gewissermassen die Ursache der aussen sichtbaren Wirkung: 
Denn dem Auge wurde dadurch deutlich, weshalb das Gewand gewisse Formen 
annahm, weil es erkannte, wie es sich lheils an die Formen des Körpers an- 
lehnte, theils von ihnen ablöste. Nehmen wir nun an, dass dieses Verfahren 
zuerst von Polygnot angewendet wurde, so liesse sich dadurch die Ausdrucks- 
weise des Plinius wenigstens in gewisser Beziehung rechtfertigen; und auch dass 
er nur von Frauen spricht, hätte seinen guten Grund. Denn bei den kürzeren 
Imaää-
        

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