Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1201479
Maler. 
des Beschauers zu fesseln. Aber während wir bei jener über den Mangel an 
eigentlichem poetischen Schöpfungsvermögen klagten, mussten wir doch zu- 
geben, das auch bei dieser der reichere Gehalt an poetischen Motiven zu sehr 
nur für äussere Effecte benutzt wurde. Das grosse Verdienst des Timomachos 
besteht nun darin, dass er die Vorzüge beider Richtungen in sich zu vereinigen 
weiss. Seine berühmtesten Werke sind, äusserlich betrachtet, Compositionen 
der einfachsten Art, welche dem Künstler jede Einzelnheit bis ins Feinste zu 
vollenden erlauben. Aber zugleich enthalten sie einen inneren Reichthum 
poetischer Motive, der uns nicht blos für das Fehlen einer mannigfaltigeren Be- 
wegung entschädigt, sondern unsere Einbildungskraft noch weit mehr ahnen 
lässt, als je ein Künstler in einem Gemälde hatte darstellen können. lch setze 
hierher, was Lessing 1) über diese Bilder bemerkt: „Aus den Beschreibungen 
erhellt, dass Timomachos jenen Punkt, in welchem der Betrachter das Aeusserste 
nicht sowohl erblickt, als hinzudenkt, jene Erscheinung, mit der wir den Be- 
griff des Transitorischen nicht so nothwendig verbinden, dass uns die Ver- 
283 längerung derselben in der Kunst missfallen sollte, vortrefflich verstanden und 
mit einander zu verbinden gewusst hat. Die Medea hatte er nicht in dem Augen- 
blicke genommen, in welchem sie ihre Kinder wirklich ermordet; sondern einige 
Augenblicke zuvor, da die mütterliche Liebe noch mit der Eifersucht kämpft. 
Wir sehen das Ende dieses Kampfes voraus. Wir zittern voraus, nun bald 
bloss die grausame Medea zu erblicken, und unsere Einbildungskraft geht weit 
über alles hinweg", was uns der Maler in diesem schrecklichen Augenblicke 
zeigen könnte. Aber eben darum beleidigt uns die in der Kunst fortdauernde 
Unentschlossenheit der Medea so wenig, dass wir vielmehr wünschen, es wäre 
in der Natur selbst dabei geblieben, der Streit der Leidenschaften hätte sich 
nie entschieden, oder hätte wenigstens so lange angehalten, bis Zeit und Ueber- 
legung die Wuth entkräften und den mütterlichen Empfindungen den Sieg ver- 
sichern können...  Ajax erschien nicht, wie er unter den Heerden wüthet, 
und Rinder und Böcke für Menschen fesselt und mordet. Sondern der Meister 
zeigte ihn, wie er nach diesen wahnwitzigen Heldenthaten ermattet dasitzt, und 
den Anschlag fasst, sich selbstumzubringen. Und das ist wirklich der rasende 
Ajax; nicht, weil er eben jetzt raset, sondern weil man sieht, dass er geraset 
hat; weil man die Grösse seiner Raserei am lebhaftesten aus der verzweiflungs- 
vollen Scham abnimmt, die er nun selbst darüber empfindet. Man sieht den 
Sturm in den Trümmern und Leichen, die er an das Land geworfen." Wenn 
sonach die Leistungen des Timomachos als das Resultat der verschiedenen Be- 
strebungen erscheinen, welche sich um die Zeit Alexanders den Vorrang streitig 
machen, wo wäre da wohl in der Entwickelungsgeschichte der Kunst für ihn 
ein so geeigneter Platz, als in der Periode der Diadochen? Für diese Ansicht 
findet sich aber endlich noch eine schlagende Parallele in der Geschichte der 
Bildhauerei. Der Aias des Timomachos ist das vollkommene malerische Gegen- 
-stück zu dem plastischen Werke des Aristonidas: Athamas, wie er nach der 
Tödtung seines Sohnes Learchos reuig dasitzt (vgl. Th. I, S. 325). Dieser Ver- 
gleich ist um so treffender, als wir nicht mit Unrecht die ganze Auffassung 
Laokoon, 
Kap"
        

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