Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1201277
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Maler. 
folgendes Gemälde verbürgt. Einen Schwerbeweiffneten stellt es vor, im 
Ausfalle begriffen in dem Augenblicke, wo die Feinde plötzlich einbrechen und 
das Land verwüsten und verheeren. Leibhaftig und voll Muth sieht der Jüng- 
ling aus, wie einer, der in die Schlacht stürzt, und man glaubt ihn wüthen zu 
sehen, wie von Ares besessen. Furchtbar blicken seine Augen. Die Waiien 
hat er schnell emporgerafft und scheint, wo er gerade steht, auf die Feinde 
loszustürzen. Schon hat er den Schild vorgeworfen und schwingt das nackte 
Schwert wie ein Mordender; die Begierde zum Schlachten leuchtet aus seinem 
Auge, und er droht in seiner ganzen Haltung, dass er niemand verschonen 
werde. Ausser dieser Figur aber hat Theon nichts weiter dargestellt, nicht einen 
Mitsoldaten, nicht einen Zugführer, nicht einen Rottenführer, nicht einen Reiter, 
nicht einen Bogenschützen, sondern es genügte ihm auch dieser eine Hoplit, 
258 um die Aufgabe des Bildes vollständig zu erfüllen. Aber der Künstler enthüllte 
auch das Bild nicht, und zeigte es nicht der versammelten Menge, ohne vorher 
einen Trompeter daneben gestellt zu haben mit der Weisung, das Angriffssignal 
zu blasen, durchdringend und so laut wie möglich, und wie einen Wachtruf 
zur Schlacht. WVenn nun das Signal grell und furchtbar erschallte, als ob zum 
schnellen Ausfalle der Hopliten die Trompete ertönte, sah man auch das Bild 
und erblickte den Soldaten, indem das Signal das Scheinbild des Hervor- 
stürmenden der Einlaildungskratt noch weit näher rückte." Ich habe in dem 
letzten Satze das Wort cpavraoia durch Scheinbild wiedergegeben, insofern die 
Einhildungskraft für etwas Wirkliches zu nehmen bereit ist, was doch nur der 
Schein des Wirklichen ist. In der ganzen Erzählung aber haben wir einen 
vollständigen Gommentar zu dem Urtheil Quintilians. Jene Phantasien oder 
Visionen sind nicht Darstellungen von reinen Phantasiegebilden ohne Realität, 
sondern Darstellungen, welche zunächst und vorzugsweise auf die Einbildungs- 
kraft des Beschauers wirken, und sie durch das Plötzliche, das Ueberraschende 
und Schreckhafte- der ersten Erscheinung vergessen machen, dass es sich nicht 
um die Wirklichkeit, sondern nur um eine Nachbildung derselben handelt. Und 
in dieser XVeise erklärt sie Quintilian selbst an einer andern Stelle 1): Quas 
cpavraoiag Graeci vocant, nos sane visiones appellemus, per quas imagines 
rerum absentium ita repraesentantur animo, ut eas cernere oculis ae praesentes 
habere videamur. So mochte Theon in dem Muttermorde des Orestes nicht nur 
durch den Mord selbst, sondern durch das Heranstürmen der Furien, welche 
den Orest mit Wahnsinn bedrohen, die Phantasie des Beschauers in die höchste 
Spannung versetzen; so mochte im Thamyras die -moralische und physische 
Vernichtung des eben noch so hochmüthigen Sängers auch den Beschauer mit 
zu ergreifen scheinen.  Diese Angaben, so wenige ihrer sind, reichen doch 
hin, um von ihnen ausgehend das besondere Verdienst des Künstlers nicht nur 
an sich, sondern auch im Verhältniss zu der gleichzeitigen und folgenden Ent- 
254 wickelung der Kunst in kurzen, aber scharfen Zügen hinzustellen. An keinem 
früheren Künstler zeigt sich die Einwirkung der Bühne in so schlagender Weise, 
wie an ihm. Ich sage absichtlich: der Bühne, nicht der dramatischen" Poesie; 
denn Wie hätte die bildende Kunst sich der Einwirkung der letzteren in der
        

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