Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1201134
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Maler. 
Die 
ihn erreicht, hierin allein sei ihm niemand gleich  Worauf nun diese An- 
muth ihrer äusseren Erscheinung nach beruhe, das lehrt uns Wiederum Apelles 
selbst. Beim Anblick des Jalysos von Protogenes soll er nemlich über die mit 
unsäglicher Sorgfalt durchgeführte Vollendung wahrhaft betroffen gewesen sein 
und gern dem Protogenes den Vorrang vor sich eingeräumt haben: nur in einem 
Punkte müsse er diesen für sich selbst in Anspruch nehmen, darin nemlich, 
dass er verstehe, die Hand zur rechten Zeit von der Arbeit zurückzuziehen; 
denn eine zu grosse Sorgfalt thue der Anmuth Eintrag 2). Nicht also die Voll- 
endung an sich, sondern das Maass der Vollendung wird hiermit als das Höchste 
in der Kunst hingestellt. Wenn aber Protogenes zu diesem Ziele trotz der an- 
232 gestrengtesten Sorgfalt nicht zu gelangen vermochte, so werden wir dem Apelles 
als dem unerreichten Muster in dieser Beziehung noch eine besondere geistige 
Eigenschaft vor jenem zuerkennen müssen. Ich glaube dieselbe bei Quintilian 
bezeichnet zu Enden, wenn er neben der Grazie das ingenium als den bedeut- 
samsten Vorzug des Apelles hinstelltß). Natürlich kann dieser Ausdruck hier 
 nicht von jener angeborenen Gabe der Erfindung" und Motivirung verstanden 
werden, von Welcher ihn Plinius auf Timanthes angewendet hat, sondern er ist 
offenbar von Quintilian gewählt, um eben jene Grazie ihrem Ursprungs nach 
nicht sowohl als ein Ergebniss gründlicher Studien, sondern als eine angeborene 
Gabe, ein freies Geschenk der Natur zu bezeichnen, die freilich aber erst da- 
durch eine so hohe Bedeutung erlangt, dass sie bei Apelles sich mit einer seltenen 
Gründlichkeit der Bildung verbunden zeigt. Darum ist sie bei ihm, so zu sagen, 
die Krone der Vollendung. Denn sie lässt uns die während der Arbeit an- 
gewandte Sorgfalt und Mühe vergessen, und das Werk erscheint nicht mehr als 
etwas Gemachtes, sondern Gewordenes, gewissermassen als eine freie Mani- 
festation der Gesetze künstlerischer Gestaltung. 
Hieraus erklärt sich die fast einstimmige Bewunderung, welche das Alterthum 
dem Apelles hat zu Theil werden lassen 4); und sie erscheint auch vollkommen 
gerechtfertigt, sofern wir uns nur gegenwärtig halten, dass auch sie auf der 
Anerkennung nicht aller, sondern bestimmt begrenzter Seiten der künstlerischen 
Thätigkeit beruht. Hierauf einen besonderen Nachdruck zu legen, veranlasst 
mich der Standpunkt, den ich bei der Beurtheilung eines Künstlers angenommen 
habe, welcher im entschiedensten Gegensatze zu Apelles steht, nemlich des 
Polygnot. Ihm glaubte ich, gestützt hauptsächlich auf das Zeugniss des Ari- 
stoteles, eine, Bedeutung beilegen zu müssen, in welcher er von keinem der 
Nachfolgenden erreicht worden ist. Soll nun der Widerspruch gelöst werden, 
233 der in der Anerkennung des einen, wie des andern scheinbar enthalten ist, so 
wird uns dies eben nur dadurch gelingen, dass wir das Verdienst eines jeden 
scharf auf eine bestimmte Sphäre beschränken. Dem Polygnot gebührt die 
erste Stelle auf dem Gebiete des poetisch-künstlerischen Schaffens, also auf 
einem Gebiete, welches von der besondern Gattung der Kunst in gewissen Be- 
1) Pliu. 35, 79. 2) Plin. 35, 80; Pluf. Demut. 22; Ael. v. h. Xll, 41; vgl. Cic. orat. 
22,  73. 3) XII, 10: ingenio et gratia, quam in so ipse maxime iactat, Apelles 0st prae- 
stantissilnus. 4) Von ganz allgemein gehaltenen rühmenden Erwähnungen trage ich hier 
noch nach: Diodor. exc. Hoesch. XXVI, 1; Cic. ad Att. II, 21; Columell. l, praef. ä 31; 
Epithal. Maxim. et Const. dict. c. 6; Justinian instit. H, 1, 34. 
        

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