Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1201075
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Maler. 
Die 
Objecte zu verschwinden pflegt, verschmähte es Apelles nicht, diesen Unterricht 
an sich selbst fortwährend fortzusetzen, wie ja auch die Virtuosen in der Musik 
die Fingerübungen nicht zu vernachlässigen pflegen, in Ermangelung eines wirk- 
lichen Instruments sogar auf einem Surrogat ohne Ton. Ich glaube, dass nur 
 in diesem ganz strengen Wortsinne die Erzählung des Plinius' überhaupt einen 
richtigen Sinn giebt. Denn wollte man sie auf Zeichnen, Componiren, Malen 
und überhaupt auf Ausübung der Kunst beziehen, so verdiente sie nicht als 
etwas besonderes hervorgehoben zu werden, da ja ohnehin bei einem fleissigen 
Künstler selten ein Tag vergangen sein würde, an dem nicht die Hand in irgend 
einer Weise künstlerisch beschäftigt gewesen wäre. Streng wörtlich genommen 
liefert aber diese Nachricht auch den Schlüssel zur Erklärung der berühmten 
oder, fast möchte man sagen, berüchtigten Geschichte von den drei ineinander 
gezogenen Linien des Apelles und Protogenes, mit welcher sie bei Plinius noch 
dazu in enger Verbindung erscheint. Freilich hat man auch diese durch die 
223 Annahme erklären zu müssen geglaubt, dass die Linie des Apelles den Umriss 
irgend eines bestimmten Objectes dargestellt habe. Aber in den Worten des 
Plinius ist dies auf keine Weise angedeutet: er spricht durchaus nur von drei 
Linien, die durch ihre Feinheit dem Auge fast verschwanden, und von der 
höchsten Schärfe, mit der die spätere Linie die frühere (der Länge nach) durch- 
schnitten und getheilt habe. Protogenes mochte an dem zarten Schwunge, der 
Feinheit und Sicherheit des Striches einer beliebigen Linie den Meister er- 
kennen. Aber indem er noch dem Glauben Raum gehen durfte, dass eine freie 
Genialität, nicht ein bewusstes Können dem Künstler die Hand geführt, zog er 
ohne die Freiheit, welche Apelles bei der ersten Linie genossen hatte, in diese 
eine zweite noch feinere, und erklärte sich erst dadurch für besiegt, dass Apelles 
nun unter den gleichen Schwierigkeiten ihn nochmals in der Feinheit überbot 
und zugleich dadurch bewies, dass die Sicherheit seiner Hand bei freier Be- 
wegung, wie bei einem bestimmt vorgeschriebenen Zwecke durchaus dieselbe 
bleibe. 
Apelles hatte es also durch ununterbrochene Uebung dahin gebracht, dass 
seine Hand in der Zeichnung seinem Willen durchaus Folge leistete. Aber 
eine solche Meisterschaft, wie jede Virtuosität, kann, in falscher Richtung an- 
gewendet, für die wahre Kunst eben so verderblich werden, als sie sonst nutz- 
bringend ist. Wir müssen daher weiter fragen, welchen Gebrauch Apelles von 
ihr machte. Unsere Nachrichten darüber sind leider äusserst dürftig. Von dem 
Bilde Alexanders zu Ephesos heisst es: die Finger scheinen hervorzutreten und 
der Blitz sich ausserhalb der Tafel zu befinden 1). Zumeist wird diese Wirkung 
allerdings durch die richtige Beobachtung des Helldunkels erreicht worden sein; 
doch setzt das Hervortreten der Finger zugleich auch eine hohe Meisterschaft 
der Zeichnung voraus. Sodann gehört hierher, was Plinius 2) von dem ab- 
gewendeten Herakles bemerkt, dass das Bild sein Gesicht mehr wirklich zu 
224 zeigen, als errathen zu lassen schien: nemlich das Auge sah allerdings nur 
einen Theil des Gesichts im Umrisse von hinten, etwa wie an der mit einer 
Leibbinde gegürteten Figur der ficoronischen Giste; aber dieser Umriss war mit 
Plin.
        

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