Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1201058
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Die Maler. 
diesem Muster uns jene Winke des Plinius deuten und jene Portraits nach 
unserer heutigen Kunstsprache wenigstens als historische im höheren Sinne be- 
zeichnen. Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, wenn sich uns zur Vergleichung 
mit Apelles gerade Werke moderner Kunstschulen darbieten, und möchte darum 
unter diesem Gesichtspunkte die Aufmerksamkeit noch auf eine andere, von 
 Plinius nur kurz angedeutete Gattung von Schöpfungen richten, welche unter 
den Werken des Apelles scheinbar ganz vereinzelt stehen und uns daher um so 
mehr überraschen müssen: ich meine die Bilder von Sterbenden. Denn wenn die 
Bezeichnung des Gegenstandes auf eine Verwandtschaft mit der Kunstrichtung des 
Aristides hinzudeuten scheinen könnte, so widerspricht dieser Annahme durchaus 
alles, was wir über die Werke des Apelles wissen. Nirgends finden wir, dass 
jenes psychologische Element, jene zarteren Abstufungen im Ausdrucke des Ge- 
220 fühls- und Seelenlebens bei Apelles eine vorwiegende Berücksichtigung erfahren 
hätte. Nehmen wir dagegen, um schnell zum Ziele zu gelangen, einmal an, dass 
Plinius Darstellungen, wie etwa einen sterbenden Alexander, im Auge habe, so 
würden sich dafür leicht Analogien in der modernen Kunst anführen lassen, in 
denen die psychologische Bedeutung des Gegenstandes hinter die historische 
Darstellung in dem Sinne jener oben betrachteten Portraits gänzlich zurücktritt. 
Blicken wir jetzt auf die bisherigen Bemerkungen zurück, so sind sie 
allerdings für die Erkenntniss der künstlerischen Bedeutung des Apelles noch 
mehr von negativem, als von positivem Werthe. Sie zeigen uns vor allem, dass 
wir sein Verdienst nicht in dem poetischen und idealen Gehalte seiner Werke 
zu suchen haben. Auf einige oder wenige Figuren beschränkt gestatten sie 
meist eben so wenig Raum für die Entwickelung einer lebhaften und bewegten 
Handlung, als für ein Eingehen in die Tiefen des geistigen oder des Seelen- 
lebens. Nicht minder vermissen wir dasjenige poetische Schöpiungsvermögen, 
welches die erhabensten Ideen der Gottheit in künstlerischer Gestaltung auf- 
zufassen und wiederzugeben vermochte; und doch finden wir auch nicht jenen 
Naturalismus, welcher durch die täuschendste Nachbildung aller Einzelnheiten 
des gerade vorliegenden Vorbildes sich in einen Wettstreit mit der Wirklich- 
keit einlassen zu wollen scheint. So sehen wir den Künstler auf das Verhältniss- 
mässigr enge Gebiet der mehr oder weniger symbolischen und allegorischen 
Darstellungen und auf Bildnisse beschränkt, welche aber mit jenen das gemein 
haben, dass sie nicht sowohl um ihrer selbst willen da zu sein, als bestimmt 
scheinen, durch ihre Persönlichkeit einen Gedanken allgemeiner abstracter Natur 
zur Anschauung zu bringen. 
Wenn wir nun auf die Seite der Thätigkeit des Apelles näher eingehen, 
auf Welcher Wir nach dem Gesagten im Gegensatze zu dem poetischen und 
idealen Gehalte sein positives Verdienst nothwendig suchen müssen, auf die 
künstlerische Durchführung seiner Werke, so wird es freilich auffallen, wenn 
wir auch hier nochmals beginnen, in negativer XVeise sein Verdienst zu he- 
grenzen. Allein wir thun dies mit um so grösserem Rechte, als er selbst uns 
221 darin vorangegangen ist: Melanthio de dispositione cedebat, Asclepiodoro de 
mensuris, hoc est quanto quid a quoque distare deberet, sagt Plinius 1), womit
        

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