Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1200927
Die Maler vom Ende des peloponn. 
Krieges 
Alexanders d. 
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von Schweiss triefend zu ermattet scheint, um der Geliebten selbst die Fesseln 
zu lösen: sogar Eros, der Gott, zeigt sich aufgeregt durch die Mühen des vor- 
angegangenen Kampfes. Wohl ziemt es ferner dem Nikias als Maler von Frauen, 
dass er Andromeda unbekleidet hingestellt hat, „eine Lydierin an Zartheit, eine 
Athenerin an Ehrbarkeit und kräftig wie eine Spartiatin." Die gewünschte Man- 
nigfaltigkeit endlich erhielt das Ganze durch den Chor der äthiopischen Hirten 
und den sprechenden Ausdruck ihrer Freude. 
Halten wir uns an diese Composition, so werden wir nicht länger leugnen, 
dass auch unter den übrigen von Plinius angeführten Gemälden manche einer 
ähnlichen breiteren Entwickelung ihrer anderwärts einfacher behandelten Motive 
sich günstig erweisen. Danae z. B. in der Scene, wo sie in dem Kasten an das 
Ufer von Seriphos getrieben und von Fischern gefunden wird, wäre als ein dem- 
selben Mythenkreise angehöriges Bild sogar ein passendes Seitenstück zum Ge- 
mälde der Andromeda. Noch reicher an dramatischen Motiven ist der Mythus 
der Jo. Auf jeden Fall aber hat sich uns jetzt der scheinbare Widerspruch 
zwischen den Worten des Nikias und seinen Werken nicht nur gelöst, sondern 
er hat uns auch den Weg gezeigt, die Eigenthümlichlaeit des Künstlers in der 
Weise näher zu bestimmen, dass seine Stellung im Zusammenhänge der Schule 
als eine durchaus naturgemässe erscheint. 
Wir haben das Wesen des Aristides und Euphranor durch die Verglei- 
chung mit analogen Erscheinungen der florentinischen Kunst zu erläutern ver- 
sucht. Auch Nikias fordert uns zu einem ähnlichen Verfahren auf, und zwar 
müssen wir durch ihn an diejenigen Elemente der Kunstübung erinnert werden, 
welche bei den Florentinern durch Masaccio und seine Nachfolger ihre Ausbil- 
dung erhielten. Auch bei Masaccio Enden wir das Streben nach einer mehr 
plastischen Abrundung der Figuren, auf welcher vor allem jenes „Heraustreten 201 
aus der Tafel" beruht. Die lebendige Bewegtheit der Gomposition freilich, wie l 
sie Nikias verlangte, war jenen Florentinern, wie überhaupt der Kunst ihrer 
Zeit noch fremd, indem die noch ziemlich ausschliesslich religiösen Stoffe einer 
solchen Behandlungsart sich minder günstig erwiesen. Aber innerhalb der hier- 
durch gebotenen Beschränkungen begegnen wir gleichfalls der Absicht, die sonst 
einfachen und auf die wesentlichen Elemente der Handlung beschränkten Motive 
weiter zu entwickeln und namentlich den engen Kreis der eigentlich handeln- 
den Personen gewissermassen durch einen Chor von sehr entfernt betheiligten 
Zuschauern zu erweitern. Geschah dies zunächst auch noch oft in einer mehr 
äusserlichen Weise, durch welche sogar die historische Auffassung im strengeren 
Sinne zuweilen beeinträchtigt erscheinen mag, so ward dafür die Möglichkeit 
einer um so reicheren und treueren Schilderung von Zügen aus der Wirklich- 
keit gewonnen und dadurch eben jene realistische Richtung gefördert, in W91- 
cher die innere Verwandtschaft der Schule des Euphranor und der Florentiner 
uns deutlich und. sprechend vor Augen tritt.  Wie aber diese Richtung bei  
Euphranor und Nikias keineswegs ausschliesslich auf der Subjectivität dieser 
Künstler beruht, sondern mit der gesammten Entwickelung des griechischen 
Geistes in engem Zusammenhänge steht, darüber werden in dem Rückblicke 
auf diese ganze Periode der Malerei noch einige Nachweisungen gegeben 
werden.
        

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