Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Maler. Die Architekten. Die Toreuten. Die Münzstempelschneider. Die Gemmenschneider. Die Vasenmaler
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199232
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1200878
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Maler. 
dagegen Euphranor das Verhältniss umkehrte und den Körper schmächtiger, 
die äussern Glieder massiger bildete, so wird auch seine Absicht dabei die um- 
gekehrte gewesen sein: er glaubte seinen Figuren den Ausdruck grösserer Kraft 
zu verleihen, indem er die Glieder als die Werkzeuge der Kraftäusserung in 
ihrer Bildung bevorzugte. Was also als ein Mangel gerügt wird, das erscheint 
seinem Ursprunge nach als eine Aeusserung der realistischen Grundrichtung 
des Künstlers, welche nur immer mehr bestätigt, Wie auf diesem Wege sich die 
Aufmerksamkeit von den inneren Gründen der Dinge ab auf die Darstellung 
des sinnlich und äusserlich Wahrnehmbaren wandte. In diesem Sinne haben 
wir derjenigen Periode in der Geschichte der Bildhauer, an deren Spitze für uns 
193 Euphranor steht, ein Streben nach äusserer Wahrheit zugeschrieben, welches 
bei den Begründern dieser Richtung nur erst in seinen Keimen nachweisbar 
ist, dafür aber nur eine Generation später, bei einigen Schülern des Praxiteles 
und Lysipp, um so schärfer und in voller Entwickelung hervortritt. Dass auch 
in der Malerei ähnliche Verhältnisse obwalteten, werden wir, wenn auch nicht 
so bestimmt an den Schülern des Euphranor, um so deutlicher an den Schülern 
eines Schülers wahrnehmen. 
Von den Ersteren vermögen wir, da über Gharmantides und Leoni- 
das ausser den früher angeführten keine Nachrichten vorhanden sind, nur An- 
tidotos einer etwas genaueren Betrachtung zu unterwerfen: 
Antidotos, 
der dritte Schüler des Euphranor, ist nur aus einer Stelle des Plinius (35, 130) 
bekannt. „Von ihm ist ein Kämpfer mit dem Schilde zu Athen, ein Binger, 
und ein wie weniges Andere gerühmter Trompeter." Seine Kunstrichtung be- 
zeichnet Plinius kurz mit den _Worten: ipse diligentior quam numerosior et in 
coloribus severus. S0 gering diese Nachrichten sind, so gewähren sie uns doch 
ein zwar einfaches, aber klares Bild vom Charakter des Antidotos. Die Sorg- 
falt der Durchführung steht mit dem Mangel an Fruchtbarkeit in deutlicher 
Wechselbeziehung. Wollen wir aber, was der Ausdruck des Plinius allerdings 
erlaubt, lieber an einen Mangel an Mannigfaltigkeit in der Wahl der Gegen- 
stände denken, so Endet auch-diese Deutung in den uns bekannten drei sehr 
gleichartigen Werken ihrer Unterstützung. Zugleich erkennen wir in iher Wahl 
den Einfluss der Schule, aus welcher der Künstler hervorging, insofern die 
durch die Handlung bedingte Erregtheit zwar nicht eine Tiefe des Gefühls, 
wie bei Aristides, voraussetzt, dagegen aber eine realistische Darstellung phy- 
sischer Thätigkeiten und Kräfte, wie bei Euphranor, um so mehr begünstigen 
musste. Die Strenge der Farben endlich lässt sich aus verschiedenen Ursachen 
herleiten. Wir haben sie schon früher einmal, bei Nikophanes, mit einer grossen 
Sorgfalt der übrigen Durchführung gepaart gefunden. Bedenken wir aber, dass 
ein gleicher Vorwurf auch dem Aristides gemacht wurde, so dürfen wir uns 
wohl zu der Ansicht hinneigen, dass diese ganze, mehr auf die Darstellung des 
194 Ausdrucks bedachte Schule bis auf Antidotos dem Glanz und dem Schmelz des 
Golorits eine weniger hervorragende Bedeutung beigelegt habe; wenn auch 
immer Euphranor, wie aus der Aeusserung über seinen Theseus hervorgeht, 
nach einer kräftigen Farbe streben und in der Färbung einzelner Theile, wie 
des Haars seiner Hera, sogar ausgezeichnet sein mochte.
        

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