Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1195644
Grössere 
Ausbreitung und Streben nach freier Entwickelung, 
Trotz dieser Mängel im Einzelnen laehält jedoch das Ganze immer den vollen 
Reiz, den ein gutes archaisches Relief auf uns auszuüben vermag. Diese Wir- 
kung ist nach meiner Meinung zunächst erreicht durch die strenge Wahrung 
des Reliefstyls. Der Künstler hat sich willig dem Gesetz unterworfen, welches 
nicht erlaubt, Rundung der Formen auf Kosten der fest bestimmten Grund- 
und Oberfläche zu erstreben. XVir gewinnen dadurch den Eindruck der Ruhe, 
der in sich abgeschlossenen Einheit. Zweitens nimmt uns für das Werk die 
Harmonie ein, welche sich in der Erfindung und der Ausführung offenbart. 
Der Künstler hat sich allerdings von den conventionellen Forderungen seiner 
Zeit gewisse Schranken ziehen lassen, sowohl in der Anlage des Ganzen, als 
in der Bildung einzelner Theile, wie des Haares und der Gewandfalten. Aber 
diese Schranken sind bei ihm nicht eine willkürlich angenommene Manier; er 
ist vielmehr, man möchte sagen, innerhalb derselben geboren, und erstrebt 
daher nur die Schönheit, die hier möglich ist, diese aber auch mit desto mehr 
Liebe und Hingebung. Wir finden keine Spuren von Nachlässigkeit, aber eben 
so wenig von Ziererei oder Prätension, und das Werk ist daher befriedigend 
für jeden, der dem Künstler nachzuempfinden im Stande ist. 
Sind dies aber nicht Vorzüge, welche alle guten archaischen Werke 
mit einander gemein haben, welche wir namentlich auch den Statuen von 
Aegina nicht absprechen dürfen? In vielen Beziehungen mag es der Fall 
sein; jedoch glaube ich einen Unterschied gerade in einem Punkte zu bemerken, 
welcher dem Krieger des Aristokles einen Ersatz gewährt für die Naturwahrheit 
der einzelnen Theile, die wir an den Aegineten hervorgehoben haben. In ihnen 
finden wir nemlich einen gewissen Gegensatz gerade zwischen dieser Meister- 
schaft im Einzelnen und der Conception der ganzen Figuren. Wir bemerken 
ein Streben und Ringen, die Bewegungen frei von allen Fesseln, lebendig, 
lebensvoll erscheinen zu lassen. Aber dass wir es bemerken, zeigt schon, dass 
es nicht seinen vollen Erfolg gehabt hat. Die Bewegungen sind, wenn auch 
nicht gezwungen, doch scharf und eckig, etwa wie die Bewegungen des sich 
einübenden, nicht des vollkommen ausgebildeten Kämpfers. Von einer solchen 
Herbigkeit und Härte in der Fügung der einzelnen Theile zeigen sich in dem 
Relief des Aristokles verhältnissmässig nur geringe Spuren. Die Haltung ist 
zwar streng, aber diese Strenge ist dem Gegenstande angemessen: es ist die 
Haltung des Kriegers, die sich an bestimmte Regeln bindet. Einfach und natür- 
lich hängt der rechte Arm herab, während der linke, scharf gebogen und ober- 
wärts eng anliegend, mit kriegerischer Gemessenheit die Lanze, wie zur Parade, 
beim Fuss hält. 
Wir dürfen daher der Haltung unserer Figur eine gewisse Freiheit inner- 
halb bestimmter Gränzen nicht absprechen. Zum grossen Theil beruht aber" 
dieselbe in der Feinheit der Gomposition, in der Art und Weise, wie der Künstler 
seine Figur in einen für künstlerische Darstellung so ivenig; geeigneten Raum 
hineingepasst und zu einem Ganzen abgeschlossen hat. Das Gewicht des Kör- 
pers ist auf der breiteren Grundfläche des nach oben sich verengenden Raumes 
gleichmässig vertheilt. Denken wir uns aber diesen Raum durch eine senk- 
rechte Linie in zwei gleiche Hälften zerlegt, so finden wir auf der einen Seite 
die grösseren, aber weniger thätigen, trägen Massen, auf der andern dagegen
        

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