Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1199037
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Bildhauer. 
Die 
vollen Verhältniss zwischen Mutter und Sohn, oder älterer Schwester und Bruder 
im Allgemeinen verflacht hat, einem Verhältnisse, dem vom rein menschlichen 
Standpunkte zur Schönheit sicherlich nichts gebricht, das aber dennoch nur zu 
599 einem Genrebilde, nicht zu einer historischen Darstellung ausreicht. Nichts desto 
Weniger nimmt diese Gruppe unter den in Rom befindlichen Kunstwerken eine 
bedeutende Stelle ein, da sie sich den vielen, wenn auch noch so vorzüglichen 
römischen Copien griechischer Vorbilder gegenüber selbst dem ungeübteren 
Blicke leicht als eine Originalschöpfung offenbart. Freilich fehlt die Frische, 
 Lebendigkeit und Weichheit der Modellirung, welche in den YVerken der besten 
Zeit uns das vorhergegangene Studium gänzlich vergessen und das Kunstwerk 
wie unmittelbar aus der Natur in Stein verkörpert erscheinen lässt. Eben so  
wenig finden wir ein Prunken mit technischer Meisterschaft und gelehrtem 
Wissen, wie wir es in den Werken der kleinasiatisczhen Kunst bemerkt haben. 
Wir erkennen vielmehr, wie der Künstler namentlich in den Gewändern jede 
einzelne Partie sich für seine besonderen Zwecke zurechtgelegt hat; ja an einigen 
Stellen glaubt man noch Spuren einer Zubereitung des Modelles wahrzunehmen, 
 welches der Künstler zuerst sorgfältig in Thon nachgeahmt haben muss, um 
es erst dann in den Marmor zu übertragen. Die Ausführung selber ist frei von 
jeder Nachlässigkeit, entbehrt aber freilich auch der Leichtigkeit, welche sich 
da zeigt, wo der Künstler seines Stoffes gänzlich Herr ist und vielleicht ab- 
sichtlich manches Nebenwerk der Hauptsache, dem Eindrücke des Ganzen, opfert. 
Hier ist vielmehr der Grad der Vollendung überall ein gleiclnnässiger, und zwar 
von der Art, wie ihn der Künstler bei einem gewissenhaften Studium und bei 
 einer verständigen Benutzung des Modells auch ohne eine besondere Bravour 
zu erreichen vermag.  
So können uns die beiden Werke des Stephanos und hlenelaos wenigstens 
annäherungsweise einen Begriff von dem geben, was Pasiteles, der Meister dieser 
Schule, überhaupt erstrebte. Während die gleichzeitigen Attiker immer mehr 
das Heil der Kunst nur noch in einem möglichst engen Anschliessen an die 
"älteren Muster oder geradezu in deren Nachahmung sahen, die Kleinasiaten 
dagegen ihr künstlerisches Wissen und ihre Meisterschaft in der Lösung schwie- 
riger Probleme zu zeigen zwar auch jetzt noch, aber doch schon mit bei weitem 
geringerem Erfolge, als in der früheren Periode, versuchten, scheint Pasiteles 
auf nichts Geringeres ausgegangen zu sein, als auf eine selbständige Regene- 
600 ration der Kunst auf der Grundlage sorgfältiger Studien der Natur und dessen, 
was früher geleistet war. Er erkannte die Nothwendigkeit, zur Natur als dem 
Urquell aller Kunst immer von Neuem zurückzukehren, nicht um sie in dem 
Kunstwerke sklavisch nachzuahmen oder diese Nachahmung zum Hauptzweck 
zu erheben, sondern um an ihr zu lernen. Um aber bei dem steten Wechsel 
ihrer Erscheinungen eine Richtschnur zu gewinnen, nach welcher die Natur 
überhaupt für die Zwecke der Kunst zu benützen sei, wendete er sich mit Eifer 
dem Studium der älteren Kunst zu. An ihr konnte sich der Sinn bilden und 
läutern und zu einem ähnlichen Adel der Auffassung emporarbeiten, wie er sich 
überall in ihren Werken ausspricht. Es ist laegreiflich, wenn auf diesem Wege 
nicht Werke von einer hohen Genialität entstanden; aber es ward wenigstens 
der Ausartung und der gänzlichen Verflachung eine wirksame Schutzwehr ent-
        

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