Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198964
griechische 
Kunst 
zur Zeit 
Herrschaft. 
römischen 
411 
schnittenen Theil zu ergänzen nöthig hätte, um sie einzeln als Statuetten auf- 
stellen zu können. 
Diese Bemerkung mag uns jetzt weiter leiten zur Betrachtung der Com- 
position der einzelnen Figuren; und hier werden wir noch einen bestimmteren  
Grund für die vom Künstler gewählte Darstellungsweise finden. Ich will dabei 
keinen Nachdruck auf die Figur des Dichters neben der Grotte Apollos legen: 
sie soll offenbar eine Statue darstellen, und wahrscheinlich eine bestimmt ge- 
gebene. Um so mehr Beachtung verdient aber die Apollo zunächst stehende 
Muse, Polyhymnia, welche geradezu eine Gopie einer bekannten Statue ist, deren 
Original oder vorzüglichste Replik sich im Museum von Berlin findet. Eben so 
erinnert Apollo stark an bekannte Kitharoedenstatuen; und in vielen der übrigen 
Figuren glauben wir häufig mehr oder minder bedeutende Reminiscenzen aus 
statuarischen Werken zu erkennen, wenn wir auch bei der Lückenhaftigkeit 
unserer Kenntnisse nicht überall das zu Grunde liegende Original nachzuweisen 589 
im Stande sind. Wir dürfen also annehmen, dass der Künstler in der Erfin- 
dung der einzelnen Figuren keineswegs selbständig verfuhr, sondern namentlich 
i11 der Darstellung der Musen aus statuarischen Vorbildern den möglichsten 
Nutzen zu ziehen bestrebt war, während in der Scene der Apotheose die zahl- 
reichen Votivreliefs ihm überall Hülfe gewähren mussten. Daneben lässt sich 
freilich das Streben nicht verkennen, diese einzelnen von anderwürts entlehnten 
Glieder unter einander in Verbindung zu setzen, zu einer Einheit zu verschmelzen 
und eine gewisse Harmonie unter ihnen herzustellen. Aber auch hier zeigt sich 
der Mangel an freier Erfindungsgabe nur von neuem wieder. In der neueren 
Kunstgeschichte ist die Stellung der meisten Figuren bei Perugino wegen ihrer 
ewigen Wiederkehr gewissermassen berüchtigt. In dem Relief des Archelaos 
finden wir ein ähnliches Nachschleppen des einen Fusses in einer ganzen Reihe 
von Figuren. Das einseitigeiStreben, die ganze Breite der Brust zu zeigen, 
ward schon früher berührt. Indem so allerdings, wenigstens scheinbar, eine 
grössere Freiheit für die Bewegung der Arme gewonnen wurde, verlor jedoch 
eben dadurch das Relief in stylistischer Beziehung viel von der nothwendigen 
Ruhe, und es zeigte sich das Bedürfniss, dieselbe durch strengere Anordnung 
der unteren Partien der Figuren einigermassen wieder herzustellen. Das ge- 
wählte Auskunftsmittel ist wiederum ein einseitiges und manierirtes: fast bei 
allen stehenden Figuren fällt das Gewand von der Mitte des Leibes in langen 
geraden Falten herab und setzt sich vor den Füssen auf der vorderen Kante 
des Bodens in einer schweren Masse auf, als sollte dieselbe den Figuren zur 
Stütze dienen und sie in dem Relief feststellen. Es wird nicht nöthig sein, 
noch genauer auf Einzelnheiten der Behandlung; einzugehen. Ein aufmerksamer 
Beobachter wird sich leicht selbst überzeugen können, dass neben vielen eben 
so vortrefflich angelegten, als durchgeführten Partien sich wiederum andere 
finden, in denen sich ein Mangel an feinem Gefühl, eine gewisse Aengstlichkeit, 
ein nicht immer erfolgreiches Suchen nach Reinheit und Eleganz der Formen 
verräth. Täuscht mich der Gypsabguss nicht, welcher mir zu Gebote steht, so 
nähert sich auch die technische Behandlung derjenigen des borghesischen Fech- 
ters, welche wir ja aus ähnlichen Ursachen herleiten zu müssen glaubten. 
Ueberblicken wir jetzt noch einmal die bisherigen Beobachtungen, so ist 590
        

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