Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198916
Bildhauer. 
Laokoon eine gewisse Trockenheit zum Vorwürfe gemacht haben, weil von den 
Künstlern diejenigen Theile, welche den Muskeln zur Umhüllung dienen, zu 
sehr vernachlässigt waren, so gilt dies in noch verstärktem Maasse von dem 
Fechter, der, wenn das Auge von längerer Beschauung z. B. der Gebilde des 
Phidias zu ihm zurückkehrt, im ersten Augenblicke wenigstens stark an ana- 
tomische Darstellungen erinnert. 
Fassen wir jetzt die eben dargelegten Beobachtungen zusammen, so lassen 
sie sich ohne Schwierigkeit auf eine einzige Ursache zurückführen. Dem 
Künstler fehlte das feine Gefühl, um aus der Beobachtung des Lebens in seiner 
Bewegung das der einzelnen Formen, ihr Verhältniss unter einander, die Be- 
dingungen und die Aeusserungen ihres Wirkens zu erkennen. In dem Bewusst- 
sein dieses Mangels suchte er einen Ersatz in einem gründlichen Studium des 
menschlichen Körpers, namentlich in den Theilen, auf welchen die ganze Bewe- 
gung beruht; und bis zu einem gewissen Grade hat ihm auch dieses Studium 
wirklichen Ersatz gewährt. Man hat in neuerer Zeit den Fechter wohl benutzt, 
um an ihm die Hauptregeln der Anatomie für Künstler nachzuweisen 1); und 
es mag keine Statue weder des Alterthums, noch unserer Zeit zu diesem Zwecke 
geeigneter sein. Denn nirgends wohl Enden wir die einzelnen Formen in solcher 
Ausführlichkeit dargelegt; wir erkennen deutlich die Grösse, den Umfangy die 
Lage jedes einzelnen Muskels, und wie er durch die besondere Bewegung seine 
eigenthümliche Gestalt erhalten hat. Aber diese materielle Richtigkeit kann 
doch schliesslich nicht allein den Werth des Kunstwerkes bestimmen. Ja, wo 
"sie das höchste Verdienst desselben bildet, kann sie, obwohl an sich ein Lob, 
in mancher Beziehung sogar zum Tadel gereichen, da sie nicht sowohl zur 
Bewunderung des XVerkes, als des Künstlers und des von ihm dargelegten 
Wissens auffordert. Dies ist aber nach den bisherigen Bemerkungen in der 
That bei dem Fechter der Fall; und er schliesst sich gerade in dieser Beziehung 
den Werken der vorigen Periode nicht weniger eng an, als in Rücksicht auf 
den in der ganzen Composition gesuchten Efiect. 
Ist nun, wie ich hoffe, der innere Zusammenhang zwischen den kleinasiati- 
schen Kunstschulen der Diadochen- und der römischen Periode hinlänglich nach- 
gewiesen, so werden nur noch wenige Worte über das Verhaltniss ihres gegen- 
seitigen Werthes hinzuzufügen sein. Hierbei macht es sich allerdings als ein 
grosser Mangel fühlbar, dass wir von der Gomposition des Ganzen, von dem 
der Fechter nur einen Theil bildet, keinen genügenden Begriff haben. Denn 
wenn wir auch bei den Gruppen des Laokoon und des Stiers nicht anders, als 
beim Fechter, auf das Studirte und Berechnete in Technik und Behandlung 
der Form und Composition hinweisen mussten, wodurch die Künstler ihre 
Meisterschaft geltend zu machen sich hestrebten, so waren doch selbst diese 
Bestrebungen noch immer einem höheren Zwecke untergeordnet, nemlich in 
ihrer Vereinigung dem dramatischen Pathos der dargestellten Handlung den 
höchsten und prägnantesten Ausdruck zu leihen. Auf jeden Fall hatten die 
Künstler zweierlei verstanden, eines Theils die Aufmerksamkeit des Beschauers 
so scharf auf dieses Pathos hinzulenken, dass alle übrigen Eigenthümlichkeiten 
habe 
1) Jean-Galbert Salvage Anatomie du Gladiateux- 
ich dieses Buch nicht benutzen können. 
combattant. 
P aris 
1812. 
Leider
        

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