Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198897
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Die 
Bildhauer. 
Blicken wir aber auf die Art der Ausführung, so stehen beide Wieder in einem 
scharfen Gegensatze zu einander. Im Diskobol sind alle Kräfte gesammelt, der 
ganze Körper ist wie zusammengezogen, um sich im nächsten Moment mit um 
so grösserer Spannkratt wieder auszudehnen und den XVurf des Diskos zu unter- 
stützen. Im Fechter sind die Füsse so weit auseinandergestellt, als es nur die 
Möglichkeit eines sicheren Fortschreitens erlaubt; die Arme bewegen sich in 
diametral entgegengesetzter Richtung; der rechte nach hinten, während der 
entsprechende Fuss vorschreitet, der linke nach vorn und nach oben, während_ 
der Fuss rückwärts nach unten ausgedehnt ist. Der Kopf endlich blickt nicht 
gradaus, sondern scharf nach der Seite und nach oben. So sind alle Glieder des 
Körpers auf das Höchste ausgespannt und gedehnt; und wie sich der Beschauer 
in Spannung; darüber versetzt sieht, was wohl der nächste Augenblick bringen 
möge, so erscheint der Kämpfer selbst bereit, durch ein Zusammenziehen des 
ausgespannten Netzes seiner Kräfte allen Wechselfällen desselbenzu begegnen. 
Nachdem wir aus dem Werke selbst im Allgemeinen gesehen haben, in 
welcher Weise der Künstler seine Aufgabe aufgefasst hat, werden wir nun auch 
nach den Gründen forschen dürfen, welche ihn zu dieser Auffassung bestimmten, 
sowie nach den Mitteln, die ihm dabei zu Gebote standen, und dem Erfolge, 
mit dem er sich ihrer bedient hat. Die Beantwortung dieser Fragen wird aber 
nicht möglich sein, ohne zugleich das Verhältniss des Künstlers zur früheren 
Zeit, namentlich aber zu der verwandten kleinasiatisch-rhodischen Kunst in Be- 
tracht zu ziehen. Der Laokoon, der farnesische Stier waren Werke, an welchen 
die Künstler ihre Meisterschaft in der Ueberwindung schwieriger Probleme zu 
379 zeigen beabsichtigten. Ein gleiches Streben hat offenbar den Künstler des 
borghesischen Fechters geleitet. Denn wenn man auch zugeben kann, dass 
die Aufgabe, ein möglichst gedeckter Angriff gegen einen Reiter, an sich nicht. 
eine durchaus einfache ist, so ist doch eben sowohl zuzugeben, dass der Künstler 
keineswegs den einfachsten Weg zu ihrer Lösung eingeschlagen hat. Ein 
höheres geistiges Interesse hat er freilich auch so seinem Gegenstands nicht 
abzugewinnen gewusst: selbst der Kopf zeigt uns nichts, als die durch den 
Moment gebotene Spannung des Körpers, die der Beschauer theilt, ohne dass 
jetzt schon die Gefühle der Furcht oder des Mitleidens bei ihm Raum gewinnen 
könnten. Dagegen soll unsere Bewunderung erregt werden durch das Ausser- 
gewöhnliche und doch Geregelte der ganzen Stellung, die richtige Vertheilung 
aller Kräfte zwischen dem gewaltigen Vorwärtsdringen, der vorsichtigen Ab- 
wehr und der wohl überlegten Vorbereitung zum Angriff, welche allein es mög- 
lich macht, dass der Kämpfer mitten in der höchsten Erregung jeder dieser 
drei Aufgaben gleichzeitig und in gleich hohem Grade gewachsen erscheint. 
Nicht weniger endlich sucht der Künstler uns durch den Reichthum und die 
Fülle einzelner Formen in Anspruch zu nehmen. Denn je stärker und compli- 
cirter die ganze Bewegung ist, um so mannigfaltigere Kräfte werden auch für 
dieselbe in Anspruch genommen, und ihr Wirken erscheint daher in einer Fülle 
von Einzelnheiten auf der Oberfläche des Körpers sichtbar. So liesse sich 
sogar darüber streiten, welcher Zweck bei dem Künstler der vorwiegende war, 
ob derjenige, die Handlung in ihrer lebendigen Bewegung und Spannung dar- 
zustellen, oder der andere, durch die Handlung das ganze Getriebe des Mecha-
        

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