Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198889
Die 
Kunst 
griechische 
Zeit 
Herrschaft. 
lischen 
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deutend hervortreten, so haben wir doch hinreichende Spuren einer ausgebreiteteren 
Kunstübung, und fanden selbst an jenen Orten Künstler aus anderen Städten 
Kleinasiens beschäftigt. Einzelne derselben scheinen bis nahe an die römische 
Periode oder noch in deren Beginne gelebt zu haben. Von den Kleinasiaten, 
Welche wir hier aufgezählt haben, gehen aber einige ebenfalls bis auf dieselbe 
Zeit oder wenigstens in das letzte Jahrhundert der Republik zurück. Wir dürfen 
daher wohl annehmen, dass die directe Tradition der dortigen Kunstschulen nie 
Vvöllig" unterbrochen war, und müssen aus diesem Grunde um so aufmerksamer 
darauf achten, ob und wie Weit sich ein Zusammenhang oder eine folgerechte 
Entwickelung der vorigen Periode auch in der jetzigen nachweisen lasse. 
Die beste Gelegenheit dazu bietet die Statue des sogenannten borghesischen 
Fechters von Agasias, dem Sohne des Dositheos aus Ephesos: ein Werk, welches 
sich uns schon beim ersten Blicke als von nicht gewöhnlicher Art darstellt. 
Freilich lässt sich über die verschiedenen Beziehungen, welche den Künstler 
bei der Composition geleitet haben, keineswegs bestimmt urtheilen; denn offenbar 
ist die Statue nur der Theil eines grösseren Ganzen. Sollte sie aber selbst nur 
eine Art akademischer Studienflgur sein, so müsste doch auch in diesem Falle 
dem Künstler eine bestimmte Handlung wenigstens in der Phantasie vorgeschwebt 
haben. Indessen auf eine bestimmte Benennung kann es gerade bei diesen 
Untersuchungen weniger ankommen 1). Das Grundrnotiv der ganzen Handlung 
spricht sich in dem Werke selbst mit hinlänglicher Klarheit aus: ein Krieger 
befindet sich im Kampfe mit einem Feinde,-der ihm von einem höheren Stand- 
punkte aus, wahrscheinlich zu Boss, Widerstand leistet; und durch diesen Vor- 
theil des Gegners bietet die Deckung gegen dessen Schläge nicht geringere 
Schwierigkeiten, als das Erspähen der Gelegenheit eines wirksamen Angriiis. 
Die ganze Bildung ist nicht göttlich, aber eben so wenig Portrait, mehr ein 
Krieger in allgemein idealer Auflassung. Ein pathetisch tragisches Interesse, 
wie etwa beim Laokoon, wird also hier nicht in Anspruch genommen; und eben 
so wenig strebt der Künstler nach der erschütternden Wirkung, welche sich in 
dem Untergangs der wildanstürmenden Gallier offenbart. Die geistige Bedeutung 
geht nicht über die dargestellte Handlung hinaus, welche allerdings Umsicht 
im Kampfe, aber noch mehr grosse-Entfaltung körperlicher Kraft und Gewandt- 
heit erheischt. Wie aber diese Eigenschaften im Leben an die Beobachtung 
bestimmter Regeln gebunden sind, so mussten sie auch in dem Kunstwerke 
"sich in geregelter Weise äussern. Das Kunstwerk verlangt vor Allem, dass 
es seinen Schwerpunkt in sich selbst habe, dass alle Bewegungen und alle 
Massen richtig abgewogen und mit einander ins Gleichgewicht gesetzt seien. 
Wir können dem Künstler des Fechters das Lob ertheilen, dass er diesen An- 
sprüchen genügt und sich innerhalb der Grenzen gehalten hat, welche die Kunst 
vorschreibt und die Griechen fast nie überschritten haben. Wohl aber dürfen 
wir behaupten, dass er in seinem Streben nach Lebendigkeit und Bewegung 
so weit gegangen ist, als es nur irgend gestattet war. In diesem Streben ist 
dem Fechter vielleicht kein Werk verwandter, als der Diskobol des Myron. 
1) Wer (laran erinnert, dass Lessing im Laokouxi den Namen Ühabrias vorgeschlagen 
hat, der sollte nie vergessen anzufiihren, dass Lessing selbst in den antiquarischen Briefen 
seinen Irrtlium erkannt und aufs Glänzendste widerlegt hat.
        

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