Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198806
Kunst zur 
griechische 
Die 
der 
Zeit 
Herrschaft. 
rölnischen 
395 
bekennen müssen, dass hier nicht immer die eigenthümliche Natur derselben 
in gleicher Klarheit und Schärfe erfasst worden ist. In den Figuren des Par- 565 
thenon vermögen wir nicht nur die Lage jedes Muskels nach seiner Hauptrich- 
tung und Spannung zu erkennen; sondern es scheidet sich auch trotz der 
feinsten und zartesten Uebergänge dennoch jede Form in ihren Umrissen und 
Begrenzungen von der anderen, so dass wir auch unter der Hülle der Haut die 
Scheidelinie wahrzunehmen glauben. Die grösseren Hauptformen und Linien 
ferner werden wir in viele kleinere zerlegen können, die jede für sich das 
Wesen der grösseren auch in seinen feinsten Beziehungen erkennen lassen. 
Der Künstler des Torso hat sich überall mit geringerem Detail begnügt und das- 
selbe in weniger scharfer und präciser Fassung dargestellt. Die Umrisse der 
Formen stossen nie in bestimmten Linien zusammen, sondern verlieren sich 
in einer Verbindungsfläche und müssen dadurch nothwendig etwas verwaschen 
erscheinen. Eben so ist die Lage der Muskeln wohl im Allgemeinen richtig 
angegeben; aber wir vermögen nicht die besondere Art der Spannung, man 
möchte sagen, die individuelle Natur des Muskels zu erkennen. Darum fehlt 
trotz der kräftigen Fülle in der Anlage doch den Muskeln die Elasticitat, auf 
welcher erst die Möglichkeit einer grossen Kraftentwickelung beruht; und der- 
jenigen Anspannung, durch welche diese Formen zur Fülle ihrer Entwickelung 
gelangt sind, erscheinen sie in ihrer jetzigen von Gedunsenheit nicht sehr ent- 
fernten Weichheit nicht mehr fähig.  Das Verhältniss des Künstlers wird sich 
hiernach leicht bestimmen lassen. Die ältere Kunst hatte ihm eine Reihe von 
Musterbildern überliefert, die von Leben und Kraft in vollster Frische durch- 
glüht waren; er strebte, dieselben Verdienste in sein eigenes Werk zu über- 
tragen; aber den alten Formen das alte Leben einzuhauchen war er nicht mehr 
im Stande. Ihm, wie seiner ganzen Zeit, war das unmittelbare Verständniss 
der Natur nicht mehr gegeben. Anstatt aber ihm daraus einen Vorwurf zu 
machen, müssen wir es ihm vielmehr zum Verdienst anrechnen, dass er sich 
über diese geringere Befähigung keinen Täuschungen hingegeben hat. Gleich 
entfernt davon, durch Schwulst und Uebertreibung die mangelnde Kraft ersetzen 
zu wollen, wie davon, durch ein knechtisches Nachahmen aller Einzelnheiten 
früherer Muster oder auch der Natur seine künstlerische Selbständigkeit zu 
opfern, hat er mit richtiger Würdigung des Maasses seiner Kräfte sich beschränkt, 566 
vor Allem die Grundverhaltnisse und die Massen in richtiger Anlage wiederzu- 
geben, und im Einzelnen möglichst anspruchslos nur das vorzutragen, worüber 
er sich selbst ein klares Verständniss verschafft hatte. So steht für uns der 
Torso als ein durchaus abgerundetes und, wir können sogar sagen, vollkom- 
menes Werk da, sofern wir nur nicht ein höheres Verdienst darin suchen, als 
der Künstler selbst ihm hat beilegen wollen. Wenn wir nun aber die Ansicht 
Winckelmanns nicht mehr theilen können, der darin überhaupt das Höchste 
der Kunst zu erblicken glaubte so dürfen wir, denen es vergönnt ist, das Voll- 
kommenere mit eigenen Augen zu schauen, ihm aus seiner Begeisterung keines- 
wegs einen Vorwurf machen, sondern müssen ihn vielmehr bewundern, dass 
er auch in den Nachklängen einer höheren Schönheit von dieser selbst schon 
eine Vorahnung gehabt hat. 
Diese Bemerkung findet ihre Anwendung nicht weniger auf das Urtheil
        

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