Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198798
Die Bildhauer. 
Wirksam entgegenzuarbeiten. Dieses Streben kann allerdings durch die beson- 
dere Natur der Aufgabe bedingt erscheinen; und ehe wir daher wagen, aus 
demselben etwas über die allgemeine Geistesrichtung der Zeit oder der Schule 
des Künstlers zu folgern, wird es nothwendig sein, die besondere Art der Durch- 
führung noch bei anderen Werken der Attiker dieser Periode genauer zu unter- 
suchen. 
Unter ihnen nimmt die hervorragendste Stelle der vaticanische Herakles- 
torso des Apollonios ein, ein Werk, welches durch die Bewunderung Michel- 
angel0's und die begeisterte Lobrede Winckelmann's, man möchte sagen, eine 
besondere Weihe empfangen hat, so dass es einer Verwahrung gegen den Vor- 
Wurf böswilliger Verkleinerungssucht zu bedürfen scheint, wenn ich es mir zur 
Aufgabe machen muss, diese Bewunderung wesentlich herabzustimmen. Meine 
Ueberzeugung habe ich schon in der Erörterung über das Wesen der Formen- 
behandlung bei Phidias (S. 146) kurz ausgesprochen und auch hier werde ich 
den Vergleich mit den Statuen aus dem Giebel des Parthenon nochmals auf- 
nehmen müssen. Doch wird es vortheilhaft sein, zugleich auf ein anderes Werk 
564 zurückzublicken, an welchem sich, freilich in einer wesentlich verschiedenen 
Richtung, die Meisterschaft der Durchführung auf ihrer höchsten Stufe offenbarte, 
nemlich auf den Laokoon. Ich habe bei seiner Beurtheilung der besonderen Art 
der Technik eine Bedeutung beigelegt, über welche vielleicht Mancher noch 
einen Zweifel hegen möchte. Die Vergleichung mit dem Torso kann in vieler 
Beziehung zur Rechtfertigung dienen. An diesem Werke finden wir nirgends 
etwasGesuchtes; der Künstler hat sich vielmehr absichtlich bestrebt, uns gänzlich 
zu verbergen, auf welche Weise er dem Marmor seine Form gegeben hat, und 
die Spuren, welche das besondere YVerkzeug zurücklässt, so viel als möglich 
vertilgt. So werden wir nirgends durch die Technik von der Betrachtung der 
Form abgezogen; aber eben so wenig" vermissen wir sie irgendwo, da sie überall 
dem Künstler geleistet hat, was er verlangte. Nach jener Deutlichkeit und 
Uebersicbtlichkeit freilich, welche wir am Laokoon bemerkten, hat er offenbar 
gar nicht gestrebt, vielleicht weil sie ihm kein so nothwendiges Erforderniss 
schien, wo bei völliger Ruhe die Wechselwirkung zwischen den einzelnen Theilen 
ohnehin gering sein musste. Aber auch der llissos und der sogenannte Theseus 
aus dem Giebel des Parthenon sind im Moment völliger Ruhe, noch dazu liegend, 
dargestellt; und doch giebt es wohl kein Werk, an welchem das Ineinander- 
-greifen aller Theile zu einem der höchsten Lebensentwickelung fähigen Orga- 
nismus klarer zu Tage träte, als an diesen Werken, ohne dass zu dieser Dar- 
stellung äussere Hülfsmittel von besonderer Art in Anspruch genommen wären. 
Von diesen Werken unterscheidet sich aber der Torso in der Behandlung der 
Formen eben so sehr, wie vom Laokoon. Die Anlage aller Formen ist gross, 
durchaus von der Art, welche man gewöhnlich als ideal zu bezeichnen pflegt. 
Alle Massen sind an der richtigen Stelle und in den richtigen Verhältnissen 
angegeben; alles mehr zufällige Detail ist übergangen: am wenigsten zeigt sich 
irgendwo Befangenheit und Aengstlichkeit hinsichtlich des lllaasses dessen, was 
für das Kunstwerk überhaupt Berücksichtigung verdiene. So steht das Werk 
in seiner Anlage allerdings als der besten Zeiten würdig da. Gehen wir aber 
jetzt auf die Betrachtung der einzelnen Formen für sich über  so werden wir
        

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