Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198444
Die 
Kunst 
Diad0ch011per; 
Zerstörung 
Korinths. 
359 
neuen, fremden Elementen Bestand und Kraft zu neuen Entwickelungen zu ge- 
winnen. Die alten natürlichen, traditionellen Verhältnisse waren gelöst; sie 
liessen sich in die neue Ordnung der Dinge nicht übertragen, sondern mussten 
sich nach bestimmten Absichten und für bestimmte Zwecke je nach den 
besonderen Umständen neu gestalten; und darum tritt überall an die Stelle 
der Unmittelbarkeit früherer Entwickelungen die reflectirende bewusste Be- 
rechnung 1). 
In Hinsicht auf die Kunst haben wir schon früher behauptet, dass ihre 
Entwickelung um die Zeit Alexanders trotz der wesentlichsten Unterschiede 
durchaus als eine Fortsetzung der glänzenden perikleischen Epoche erscheine. 
Beiden Perioden war in Hinsicht auf künstlerisches Schaffen die Unmittelbar- 
keit in der Auffassung der Natur gemeinsam; der Künstler ordnete seine Per- 
sönlichkeit durchaus seinem Werke unter, damit dieses seinen Gegenstand ganz 
erfülle. Zugleich mussten wir jedoch zugeben, dass sich die Beobachtung all- 
mählig immer mehr von dem inneren Wesen der Dinge ab und auf das Aeusser- 
liche und Zufällige gewendet hatte. Je grösseren Werth man auf diese Weise 
den zufälligen Einzelnheiten, dem äusseren Scheine beizulegen sich gewohnte, 
um so mehr musste die Kenntniss und das Verständniss der festen Normen 
und Grundgesetze, auf denen bisher die Ausübung der Kunst beruht hatte, 
verloren gehen; es musste Schwanken und Unentschiedenheit über das Ver- 
hältniss einer reinen Nachahmung der Wirklichkeit zu den Forderungen künst- 
lerischer Stylisirung entstehen. Gerade damals aber, als sich die Wirkungen 
dieser Unsicherheit zu zeigen beginnen, tritt der Umschwung in allen poli- 
tischen Verhältnissen ein, in Folge dessen die alten Kunstschulen in ihren Haupt- 
sitzen zu Athen, Sikyon und Argos zerfallen. Die Stetigkeit der Entwickelung 
in den früher verfolgten Richtungen ist damit unterbrochen; die Sicherheit der 
Tradition, wie sie der Zusammenhang einer vielverzweigten Schule gewährt, 
ist verloren; und sie musste um so mehr verloren gehen, je weniger die zu- 
nächst folgenden Wirren und Kämpfe unter den Nachfolgern Alexanders künst- 
lerische Unternehmungen überhaupt begünstigten. Sobald wieder einige Be- 515 
ruhigung eintritt, findet allerdings auch die Kunst wieder Schutz und Auf- 
munterung. Aber wie unterdessen Literatur und Poesie von dem ursprünglichen 
Zusamrnenhange mit dem gjesammten Leben des Volkes losgerissen und Sache 
der Gelehrten und der Gebildeten geworden war, so hat jetzt auch die Kunst 
ihre frühere Stellung als integrirender Theil in dem vollendeten Organismus 
einer politischen oder religiösen Gemeinschaft eingebüsst. Hier galt es also, 
die Unmittelbarkeit der Auffassung, welche nur bei einer vollständigen gegen- 
seitigen Durchdringung des Lebens und der Kunst sich zu erhalten vermocht 
hatte, das angeborene feine Gefühl, welches der Natur, wo sie es nicht freiwillig 
verleiht, nicht abgetrotzt werden kann, durch gründliche Erforschung der Mittel 
künstlerischer Darstellung zu ersetzen und den Rest der noch vorhandenen Er- 
fahrungen durch eigenes Studium der Dinge selbst und durch das Studium 
dessen, was Andere früher geleistet, zu ergänzen. 
Hinsichtlich der Technik mochte die materielle Kenntniss aller der ver- 
Vgl. 
Hellenismu s 
Droysen 
Blinleitnng.
        

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