Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198415
Bildhauer. 
flusse seiner Zeit und der besonderen Verhältnisse seiner Umgebung, namentlich 
da, wo es sich um die Ausführung von KVerken handelt, welche nicht ohne 
bedeutende Mittel hergestellt werden können. So möchte man gerade von den 
genannten WVerken der rhodischen Schule sagen, dass sie die Zeit und das 
Land, in welchem sie entstanden, nicht verleugnen können. Man gewährt dem 
Künstler die reichlichsten Mittel, um allerdings unabhängig von bestimmten 
Forderungen der Religion und der Politik sich seine Aufgabe zu wählen. Aber 
zur vollen Freiheit gelangte er dadurch "dennoch nicht. Denn an die Stelle 
der Götter oder des Staates, sei es in der Gesammtheit seiner Bürger, sei es 
in seiner Vertretung durch die Person eines Herrschers, traten die Menschen 
mit den Wünschen nach Befriedigung ihrer besonderen geistigen Bedürfnisse, 
mit dem Begehren und" den Forderungen ihrer Leidenschaften. Dass diese sich 
überall mit denjenigen der wahren, höheren Schönheit in Einklang befinden 
510 sollten, ist aber am wenigsten zu erwarten, wo, wie in Rhodos, selbst das An- 
sehen des ganzen Staates auf dem materiellen Gewicht des Reichthums beruhte. 
Hier verlangte man natürlich auch von der Kunst, dass sie Zeugniss ablege für 
diesen Reichthum, dass sie Genuss gewähre und die durch Geschäfte und 
 Sorgen des alltäglichen Lebens erschlafften Geister errege und spanne. So bildet 
sich hier in der Kunst zuletzt diejenige Richtung aus, welcher in der Poesie 
am meisten das Drama entspricht. Auch dieses gelangt irerhältnissmässig spät, 
nach dem Epos und der Lyrik, zur Entwickelung; und, obwohl es ursprünglich 
aus religiösen Festgebräuchen hervorgeht, verfolgt es doch laald seine, von diesen 
Ursprüngen gänzlich unabhängigen Zwecke, Furcht und Mitleid zu erwecken, 
und durch die auf diesem Wege erzeugte Erschütterung die Gemüther der 
Menschen zu läutern und zu reinigen. Ehen so sind es in den Darstellungen 
der Kunst nicht mehr die bestimmten Persönlichkeiten an sich in ihrer sittlichen 
und religiösen Bedeutung oder in ihrer körperlichen Schönheit, welche die über- 
wiegende Aufmerksamkeit des Beschauers in Anspruch nehmen sollen, sondern 
die aussergewöhnlichen Lagen und Verhältnisse, denen sie sich gegenüber be- 
finden: diese sind es, welche, mit Ueherwindung der gewaltigsten Schwierig- 
keiten durch die Kunst, in ihren bedeutsamsten Momenten erfasstnnd verkör- 
pert, den Beschauer zur Bewunderung hinreissen sollen. Durch diese pathetisch- 
dramatische Auffassung bilden diese Werke gewissermassen den Schlusspunkt 
in der von Stufe zu Stufe fortschreitenden Entwickelung der gesammten griechi- 
schen Kunst, über welchen hinaus eine noch höhere Anspannung zu "einer Ver- 
nichtung des Wesens der Kunst selbst hätte führen müssen. 
So treten uns die YVerke der Künstler von Pergamos und Rhodos als die 
eigenthümlichsten, bezeichnendsten Leistungen der Kunst dieses Zeitraums in 
zwei verschiedenen Richtungen entgegen, wesentlich bedingt durch die politi- 
schen Gegensätze ihrer Wohnsitze. Doch lassen sich beide hinsichtlich ihres 
äusseren Zweckes auch unter einem gemeinsamen Gesichtspunkte zusammen- 
fassen, sie gehören, so zu sagen, der grossen Kunst an, derjenigen, welche vor- 
zugsweise für das öffentliche Leben bestimmt ist. Aber neben dem öffentlichen 
Leben hatte sich jetzt auch das Privatleben mit selbständigen Forderungen, 
511 mit dem Streben nach Genuss und Glanz ausgebildet. Ferner vermochte aber 
auch die Kunst nicht überall in jener Spannung ihrer Kräfte zu verharren, wie
        

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