Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198293
344- 
Bildhauer. 
Analyse, und werden nun um so eher im Stande sein, das Einzelne zu einem 
Gesammturtheile zusammenzufassen und dem Werke in der Entwickelungsge- 
schichte der griechischen Kunst eine bestimmtere Stelle anzuweisen. Schon 
in der bisherigen Erörterung mussten wir zuweilen einen Seitenhlick auf frühere 
Perioden der Kunst werfen, und ich will es nicht leugnen, dass fortwährend 
eine stillschweigende Rücksicht auf diese zur Vorsicht gemahnt und die Auf- 
merksamkeit geschärft hat. Was die Zeit des Phidias geleistet, ist als das 
Höchste, was überhaupt die Kunst erreicht, allgemein anerkannt. Diese Er- 
kenntniss bildet also den festen, unverrückbaren Punkt, nach welchem sich das 
Urtheil über alles Frühere und Spätere bestimmen muss. Wenn dieses dadurch 
freilich in einem minder günstigen Lichte und weniger vollkommen erscheint, 
so wird doch auf diese Weise unser Urtheil minderen Schwankungen ausge- 
setzt sein, und wir dürfen, was sich uns als vorzüglich innerhalb gewisser 
Grenzen bewährt, mit um so ruhigerem Bewusstsein und um so freudiger an- 
erkennen. 
Die ganze Entwickelung der griechischen Kunst von der Zeit des Phidias 
abwärts besteht in einer Erweiterung der damals festgestellten Grenzen, welche 
von einem Mittelpunkte ausgehend nach verschiedenen Richtungen und selbst 
nach entgegengesetzten Endpunkten zustrebte. Was wir nun am Laokoon be- 
obachtet haben, ist nichts, als ein weiterer consequenter Schritt auf dieser 
Bahn, freilich nicht ein Schritt aufwärts, sondern abwärts. Allein dies lag in 
der Natur der Dinge. Denn hatte man einmal angefangen, seinen Ruhm in 
ein Ueberbieten des Vorhergehenden zu setzen, so blieb den Nachfolgenden 
kaum etwas anderes übrig, als ihr Glück auf demselben Wege so lange zu ver- 
suchen, bis man am Ziele des Möglichen angelangt War, und nothwendig eine 
Reaction eintreten musste. Neues wird stets wenigstens die grosse Masse über- 
raschen und anziehen, und um so mehr da, wo Maassvolles Gewaltigerem 
Platz macht. Eine solche Potenzirung, vielleicht die höchste der griechischen 
Kunst, spricht sich in allen Theilen des Laokoon aus, und es ist daher kein 
Wunder, wenn ein Beurtheiler von so geringem künstlerischen Gefühle, wie 
Plinius, gerade dieses Werk für das Höchste erklären will, was die Kunst ge- 
493 leistet. Die ausübenden Künstler der besten römischen Zeit scheinen anders 
gefühlt zu haben. Denn, wie mich dünkt, zeigt sich gerade deshalb, weil in 
diesem und ähnlichen Werken die Grenze des Möglichen erreicht War, sofort 
mit dem Uebersiedeln der griechischen Kunst nach Rom eine umfangreiche, 
aber in vieler Hinsicht völlig naturgemässe Reaction. 
In der Technik hatten gewiss die Früheren durch lange Uebung geleistet, 
was selbst der verfeinertste Kunstgeschmack zu fordern vermochte. Dennoch 
gelang es den rhodischen Künstlern, ihre Vorgänger noch zu überbieten, da- 
durch dass sie die Kunst der Technik zu derjenigen Virtuosität ausbildeten, 
welche eine bestimmte Wirkung gerade durch Beschränkung auf wenige Mittel, 
aber durch eine um so sicherere Handhabung derselben zu erreichen Weiss. Auf 
diese Weise aber geschieht es, dass die Technik, während sie früher nie auf- 
gehört hatte, Mittel zu höheren Zwecken zu sein, jetzt Ansprüche auf selbst- 
ständige Geltung erheben muss, welche dem echten Kunstwerke fremd sind. 
Ebenso verhält es sich mit der Behandlung der Form. Noch Aristoteles scheint
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.