Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198286
Kunst 
Die 
Diadochenperiode 
bis zur 
Zersti 
rung 
Korinths. 
34-3 
wir einmal den Kopf, etwa im Gypsahgtiss, ganzvon der Gruppe getrennt zu 
betrachten und diese, so viel wie möglich, ganz zu vergessen: er wird sicher- 
lich darauf verzichten, das Einzelne des Ausdrucks nach bestimmten Richtungen 
nachweisen zu wollen; ja er wird kaum im Stande sein, die Wirkung, Welche 
der Kopf beim Anblicke der ganzen Gruppe hervorgebracht, sich überhaupt nur 
wieder deutlich zu vergegenwärtigen: so sehr ist dieser vom Ganzen abhängig 
und eben nur im Zusammenhangs mit den äusserlichen körperlichen Motiven 
der Handlung verständlich, weil er zuerst und zumeist nur ein Ausfluss dieser 
Motive ist.  
Diese Beobachtung liefert uns zugleich den Beweis für einen anderen 
wichtigen Punkt, dafür nemlich, dass der Ausdruck des Kopfes nur der eines 
einzelnen Momentes ist. Von ihm gilt besonders, was Göthe von der ganzen 
Gruppe sagt: „Um die Intention des Laokoon recht zu fassen, stelle man sich 
in gehöriger Entfernung, mit geschlossenen Augen davor; man öffne sie und 491 
schliesse sie sogleich wieder, so wird man den ganzen Marmor in Bewegung 
sehen, man wird fürchten, indem man die Augen wieder öffnet, die ganze 
Gruppe verändert zu finden. Ich möchte sagen, wie sie jetzt dasteht, ist sie 
ein fixirter Blitz, eine Welle, versteinert im Augenblicke, da sie gegen das Ufer 
anströmt. Dieselbe Wirkung entsteht, wenn man die Gruppe Nachts bei der 
Fackel sieht." Die Schilderung ist richtig. Doch dürfen wir deshalb noch nicht 
unbedingt in die Bewunderung über das einstimmen, was geschildert wird. 
„Alle Erscheinungen, zu deren YVesen wir es nach unseren Begriffen rechnen, 
dass sie plötzlich ausbrechen und plötzlich verschwinden, dass sie das, was sie 
sind, nur einen Augenblick sein können; alle solche Erscheinungen, sie mögen 
angenehm oder schrecklich sein, erhalten durch die Verlängerung der Kunst 
ein so widernatürliches Ansehen, dass mit jeder wiederholten Erblickung der 
Eindruck schwächer wird und uns endlich vordem ganzen Gegenstande ekelt 
oder graut." Diese Worte hat Lessing (Laok. Kap. III) zwar nur in Hinsicht 
auf Arten des Ausdruckes geschrieben, welche noch vorübergehender sind, als 
die des Laokoon, wie Lachen, Schreien; und er hat sie geschrieben zur Ver- 
theidigung des Laokoon. Doch aber erleiden sie in einigermassen ermässigter 
Weise ihre Anwendung auch auf seinen Ausdruck. Ekeln und grauen zwar 
wird uns vor dem Laokoon nicht. Aber schwächer wird gewiss der Eindruck 
bei längerem Beschauen, als wenn wir uns nach Göthe's Weise mit dem An- 
blicke gewissermassen überraschen. Ich berufe mich dabei z. B. auf das Ur- 
theil Danneckers, welcher bekannte, dass er den Laokoon nie lange habe be- 
schauen können, dass, wenn er ein anderes schönes Werk neben ihm gesehen, 
sich sein Auge unwillkürlich von ihm weggewendet habe 1). 
Ich habe hier absichtlich öfter die Urtheile Anderer angeführt; sie zeigen, 
wie die Ansichten schwanken und sich zuweilen scheinbar und sogar wirklich 
widersprechen. Schon das wird mich entschuldigen, wenn ich, anstatt in die 
mannigfaltigen Lohsprüche einzustimmen, zunächst versucht habe, die einzelnen 
Erscheinungen, welche sich an dem Werke zeigen, in ihrer Wesenheit zu er- 
kennen und in voller Schärfe hinzustellen. Wir sind jetzt am Ende dieser 492 
Am alth 
        

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