Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198279
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Bildhauer. 
Priester nicht verleugnen durfte. Es ist viel darüber gestritten worden, ob 
Laokoon schreie oder nicht. S0 Viel ist gewiss, dass der Mund geöffnet ist, um 
deutliche, vernehmliche Schmerzenslaute auszustossen; aber eben so gewiss ist 
es, dass es nicht wilde, regellose Töne sind, er sich nicht maasslosem Geschrei 
hingiebt. Die Künstler haben hier die richtige Grenze gefunden: Laokoon be- 
herrscht noch seinen Schmerz durch moralische Kraft in soweit, dass der Aus- 
druck desselben nur das geringste Maass scheint, Welches die Natur unter den 
gegebenen Umständen verlangt. Man nehme ihm diese Kraft, und sofort würde 
der Ausdruck mit der Handlung in offenem Widersprüche stehen. Ohne sie 
würde auch der ganze Widerstand aufhören müssen, welchen Laokoon den 
feindlichen Mächten noch leistet. Man werfe zur Vergleichung nur einen Blick 
auf den jüngsten der Knaben. Sein weit geöffneter Mund zeigt deutlich, dass 
er wirklich schreit; aber er erscheint auch durchaus hülflos. Die leise Abwehr, 
welche er mit der linken Hand versucht, kann man nicht mehr Widerstand 
nennen, sie ist fast nur eine instinktmässige, mechanische Bewegung. Aber 
bei dem schwachen Knaben fordert man auch nicht die Selbstbeherrschung des 
Vaters; er erregt Theilnahme und Mitleid durch seine Schwäche, und wir nehmen 
 also keinen Anstoss, wenn er dem Schmerz und der Angst freien Lauf lässt. 
Von dem Vorwurf indessen, dass hier, wenn auch nicht die poetische, doch die 
künstlerische Schönheit in gewisser Weise verletzt sei, werden wir die Künstler 
nicht völlig freisprechen können und höchstens nur zu ihrer Entschuldigung 
anführen dürfen, dass wir, indem sich das Interesse hauptsächlich dem Vater 
zuwendet, diesen kleinen Mangel leicht übersehen, zumal da er sich durch die 
Verkürzung, in welcher der Kopf erscheint, dem Auge weniger empfindlich dar- 
stellt.  Doch wir kehren zum Vater zurück; und obwohl wir zugeben, dass 
sein Schmerz von moralischer Kraft beherrscht wird, müssen wir ihn doch als 
zu einem so hohen Grade gesteigert anerkennen, dass die Frage erlaubt ist, 
ob sich neben oder in ihrn noch der besondere Ausdruck anderer, mehr geistiger 
490 Empfindungen bestimmt unterscheiden lasse. „Fern sei es von mir, dass ich 
die Einheit der menschlichen Natur trennen, dass ich den geistigen Kräften 
dieses herrlich gebildeten Mannes ihr Mitwirken ableugnen, dass ich das Streben 
und Leiden einer grossen Natur verkennen sollte. Angst, Furcht, Schrecken, 
väterliche Neigung scheinen auch mir sich durch diese Adern zu bewegen, in 
dieser Brust aufzusteigen, auf dieser Stirn sich zu furchen; gern gesteht ich, 
dass mit dem sinnlichen auch das geistige Leiden auf der höchsten Stufe dar- 
gestellt sei, nur trage man die Wirkung, die das Kunstwerk auf uns macht, nicht 
zu lebhaft auf das Werk selbst über." So Göthe. Seine letzte Warnung aber 
möchte ich namentlich in der Richtung beherzigt sehen, dass man nicht ver- 
suche, den Ausdruck zu zergliedern oder, schärfer ausgedrückt, zu zerspalten, 
um etwa in dem einen Zuge den physischen, in dem andern irgend einen 
geistigen Schmerz bestimmter Art nachweisen zu wollen. Der körperliche Schmerz 
ist so gewaltig, dass er sich über das Ganze bis in die kleinsten Theile ver- 
breitet. Dass er uns nicht einzig als ein solcher erscheint, liegt allein darin, 
dass das Object, an welchem er sich äussert, zu jeder edeln Empfindung be- 
fähigt ist, dass dieser geistige Adel als die Basis aller Empfindungen überall 
noch durchschimmert. Wer mehr als dieses zu erkennen glaubt, dem rathen
        

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