Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198268
Kunst 
Diadochenperiode 
Zerstörung 
Korinths. 
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als am Barte, in eine Menge kleiner zerrissener Partien. Eben so sind im 
Gesicht alle grösseren Flächen, wie Stirn und YVangen, durch das Hervortreten 
der einzelnen Muskeln zerrissen, und die Anspannung derselben ist an einigen 
Stellen so gewaltig, dass es unmöglich wird, sich von den darunter liegenden 
festen Theilen des Knochengerüstes genügende Rechenschaft zu geben. Wem 
das eben Gesagte zu stark erscheinen sollte, der mag sich durch eine Be- 
trachtung der Gruppe bei F ackelschein von der Richtigkeit überzeugen. Bei 
einer Stärke der Beleuchtung, welche die Gruppe in ihrer Gesammtheit in das 
vortheilhafteste Licht setzt, tritt uns diese Zerrissenheit mit solcher Bestimmt- 
heit entgegen, dass niemand sie wird leugnen können, und doch wird sie durch 
das besondere Licht nicht etwa an sich verstärkt, sondern nur durch die Ab- 
geschlossenheit, welche ein Abschweifen des Auges verhindert, selbst für den 488 
minder geübten Blick fasslicher. Setzen wir dagegen den Kopf in die grellste 
Beleuchtung, so wird sich plötzlich zu unserem Erstaunen eine plastische Ruhe  
jener Art zeigen, wie wir sie sonst als das Kennzeichen griechischer Kunst- 
schöpfungen älterer Zeit hinzustellen gewohnt sind. In diesem Lichte ver- 
schwinden aber die meisten der wirklich im Marmor ausgedrückten Einzeln- 
heiten, sie werden vom Lichte gewissermassen aufgezehrt, und es bleiben dem 
Auge nur die einfachsten und wesentlichsten Grundformen erkennbar. 
Wenn nun die ursprüngliche, allgemein geistige Anlage des Menschen, 
rd Er xai iiäya Üäog nach Aristoteles, sich vorzugsweise in den festen, un- 
veränderlichen Theilen des Kopfes, in der Schädelbildung ausspricht, so muss 
die detaillirte Ausführung von Formen, welche nur in der höchsten Anspannung 
des gesammten Organismus zur Erscheinung kommen, mit Nothwendigkeit zu 
einer der ethischen entgegengesetzten Darstellungsweise führen. Und so ist 
denn in der That der Ausdruck dieses Kopfes auf das höchste Pathos berechnet, 
ein Pathos der heftigsten, momentansten Art. Die Natur des dargestellten 
Gegenstandes scheint ein solches zu verlangen. Bis zu welchen Grenzen aber 
dieses überhaupt in der Kunst zulässig sei, wie sich zu diesen Grenzen der 
Ausdruck des Laokoon verhalte, darüber sind die Meinungen selbst der aus- 
gezeichnetsten Beurtheiler fortwährend schwankend gewesen, so sehr auch der 
Grundton fast aller Urtheile hinsichtlich des Laokoon der einer grossen Be- 
wunderung gewesen ist. Allein wenn wir nun finden, dass diese Bewunderung 
bei verschiedenen auf fast Widersprechendes gerichtet ist, sollen wir dann noch 
in dieselbe unbedingt einstimmen? Bliebe die YVahl nur zwischen zwei Ex- 
tremen, zwischen unbedingter Bewunderung und unbedingter Verdamrnung, so 
würde ich allerdings lieber die Rolle des Anklägers, als die des Vertheidigers 
übernehmen. Doch werden wir zuletzt erkennen, dass uns noch ein Mittelweg 
übrig bleibt, nemlich die Beurtheilung von einem relativen, dem historischen 
Standpunkte aus. 
Ein Theil der Lobsprüche ist mehr negativer Art und bezieht sich auf 
die Grenzen der Kunst, welche zu überschreiten die Künstler durch den Gegen- 
stand in Gefahr gerathen mussten, dadurch nemlich, dass sie den Schmerz 
wegen seiner Heftigkeit, und weil er in seinen nächsten Motiven ein körper- 489 
licher war, auch rein als einen solchen erfassen konnten, ohne Rücksicht auf 
den geistigen Adel, welchen Laokoon wegen seiner edeln Abkunft und als
        

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