Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198255
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Bildhauer 
gesammten Anordnung ist Wahrlich kein geringes, und die Künstler verdienen 
dafür die vollste Bewunderung. Aber freilich sind es immer wieder die Künstler, 
welche wir bei dem Anblicke des XVerkes nicht vergessen können. Es wird 
uns keineswegs die Ueberzeugung gegeben, dass dieses als etwas Fertiges, 
Abgerundetes mit einem Wale der Phantasie des Künstlers entsprungen sei; 
alles ist, wenn auch mit höchster Kunst, angeordnet, auf bestimmte Zwecke 
berechnet. Dass aber dieses Urtheil in der That nicht zu hart sei, wird sich 
noch mehr bestätigen, wenn wir darauf hinweisen, wie gering die eigentlich 
künstlerischen Beziehungen unter den einzelnen Figuren sind. Denn sehen 
wir von dem einzigen Blicke des älteren Sohnes nach dem Vater ab, so finden 
wir, dass jeder für sich, von den andern gänzlich unabhängig handelt: bei der 
Gemeinsamkeit der Gefahr auch keine Spur gemeinsamer Abwehr. Dass tiefere 
Bezüge anderer Art wirklich vorhanden seien, soll dadurch keineswegs geleugnet 
werden. Vielmehr wollen wir hier die Schilderung aufnehmen, welche Göthe 
von dem Verhältnisse der drei menschlichen Figuren entworfen hat: ,.Der jüngere 
strebt unmächtig, er ist geängstigt, aber nicht verletzt (letzteres kann zweifel- 
haft bleiben; auf jeden Fall steht sein Untergang am sichersten bevor); der 
Vater strebt mächtig, aber unwirksam, vielmehr bringt sein Streben die ent- 
gegengesetzte Wirkung hervor. Er reizt seinen Gegner und wird verwundet. 
Der älteste Sohn ist am leichtesten verstrickt; er fühlt weder Beklemmung, noch 
Schmerz; er erschrickt über die augenblickliche Verwundung und Bewegung seines 
Vaters; er schreit auf, indem er das Schlangenende von dem einen Fusse abzu- 
streifen sucht; hier ist also noch ein Beobachter, Zeuge, Theilnehmer bei der 
That, und das Werk ist abgeschlossen." Allein auch diese Schilderung, wenn 
sie, wie ich es gern glaube, den Gedanken der Künstler richtig wiedergiebt, 
487 weist uns von Neuem auf ein feines Abwägen und Berechnen hin, zeigt uns 
eine durch Abstraction gewonnene Stufenleiter, eine Scheidung nach Begriffen, 
wie sie in der lebendigen Bewegung der wirklichen Handlung sich wohl nie 
wird nachweisen lassen. 
Ich habe absichtlich bis jetzt von den Köpfen der Figuren geschwiegen, 
obwohl natürlich ihr Ausdruck dem ganzen geistigen Charakter des Werkes, 
so zu sagen, erst das Siegel aufdrückt. Ueber technische und formelle Behand- 
lung genügen wenige Bemerkungen. Denn erinnern wir uns an die Masse und 
das starke Hervortreten der Einzelnheiten an dem übrigen Körper, so ergiebt es 
sich schon von selbst, dass damit ein in wenigen grossen und einfachen Formen 
behandelter Kopf durchaus nicht in Einklang zu bringen sein würde. Wenn 
daher in der älteren Zeit eine vorwiegende Sorgfalt auf die Darstellung der 
Grundformen des Schädels verwendet wurde, so gewinnen dagegen hier die 
fleischigen Theile eine erhöhte Bedeutung. In geringerem Maasse zeigt sich 
dies selbst schon an den beiden Knaben, namentlich den Augenbrauen und dem 
Munde, obwohl die geringe Entwickelung des übrigen Körpers auch hier noch 
ziemlich enge Grenzen einzuhalten erlaubte. Namentlich aber erscheint an dem 
Vater die gewaltige Anspannung aller Muskeln des übrigen Körpers auch im 
Kopfe bis in die kleinsten Theile fortgebildet; ja man kann sagen, dass in Folge 
davon selbst das Haar eine eigenthümliche Behandlung erfahren hat: nirgends 
hält es in grösseren Massen zusammen, sondern theilt sich, am Haupte sowohl
        

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