Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198238
Bildhauer. 
erscheinen müsste. So sehr wir nun auch die Kenntniss bewundern, welche 
sich in der Behandlung jeder Form ausspricht, so ist doch, wie gesagt, diese 
Bewunderung mehr Sache des Verstandes, als des Gefühls, und bezieht sich 
mehr auf den Künstler, welcher diese Kenntniss zeigt, als auf das Object, an 
welchem sie gezeigt wird. 
Von den einzelnen Formen wenden wir uns jetzt zur Betrachtung der 
ganzen Gruppe. Sie erscheint in ihren verschiedenen Bestandtheilen, dem Vater, 
den Söhnen und den Schlangen, rund und abgeschlossen, aus einem Stücke, 
und darauf zielt gewiss auch der Ausdruck des Plinius: ex uno lapide, wenn 
er auch wörtlich nicht richtig gewählt ist. Er spricht damit nur aus, was so 
viele Beschauer von seiner bis auf unsere Zeit beim Anblicke der Gruppe als 
besonders staunenswerth zu bewundern pflegen. Aber gerade, dass sich diese 
Art der Bewunderung so vielen, und nicht am wenigsten den ungebildeten 
Betrachtern aufdrängt, wird vielleicht bei dem vorsichtigen Beurtheiler einen 
Zweifel erregen, 0b nicht darin eben so wohl ein Tadel, als ein Lob für das 
Werk liegen könne. Denn wiederum ist es die Person des Künstlers, welche 
' sich in den Vordergrund drängt und uns an die Sclnvierigkeiteii mahnt, welche 
 er durch seine Meisterschaft überwunden hat. Das höchste Lob eines wahren 
Kunstwerkes wird aber immer das sein, dass es uns die Person des Künstlers 
gänzlich vergessen lässt und sich uns als eine freie Schöpfung darstellt, als 
eine Idee, welche sich aus sich selbst heraus, nach einer inneren Nothwendigkeit 
mit einem Körper bekleidet hat, also gleichsam als etwas Gewordenes, nicht 
etwas Gemachtes. Von diesem Standpunkte aus sind wir aber bei historischer 
Betrachtung auch die Gruppe des Laokoon zu untersuchen verpflichtet. 
Gruppen, mehrere Figuren oder ganze Figurenreihen zu einem grösseren 
484 Ganzen vereinigt, sind in den früheren Perioden der Kunst nichts seltenes: wir 
finden sie namentlich als Schmuck der Tempelgiebel oder als grössere Weih- 
geschenke. Die einzelnen Figuren erscheinen hier äusserlich von einander 
getrennt, aber nicht selbständig, sondern sind stets "der Haupthandlung unter- 
geordnet; und selbst eng vereinigte kleinere Gruppen, wie die Frauen im Giebel 
des Parthenon, der Paedagog mit dem Knaben unter den Niobiden, erhalten 
doch ihre volle Geltung erst im Zusammenhange des Ganzen. Die Schönheit 
dieses Ganzen aber offenbart sich zuerst in der Disposition der Figuren.  
Von solchen Gruppen unterscheiden sich nun wesentlich diejenigen, welche auch 
materiell eine abgeschlossene Einheit bilden. Denn während in jenen alle 
Momente der Handlung in ihrer Breite dargelegt, ausgeführt und durch Neben- 
Figuren motivirt werden können, concentrirt sich in diesen die ganze Handlung 
in einem möglichst geringen Raume. Die Schönheit solcher Gruppen beruht 
also im strengsten Wortsinne vornehmlich auf der Gornposition der Theile. 
Die Schwierigkeiten derselben wachsen aber mit der Zahl der zu verbindenden 
Theile in geometrischer Proportion. Während bei zwei Figuren eine und die- 
selbe Handlung sich oft in sehr verschiedener Weise als künstlerische Einheit 
erfassen lässt, wird bei drei Figuren die blosse" Nothwendigkeit eines äusseren 
Gleichgewichtes weit geringere Wahl übrig lassen. In der Gruppe des Laokoon 
nun gesellen sich zu den drei menschlichen Figuren noch die beiden Schlangen, 
und obwohl sie der Masse nach den Menschen untergeordnet sind, so treten sie
        

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