Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198216
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Bildhauer. 
Meisselstriche als einzelne schmale Flächen auf einander stossen. Aus ihrer 
Vereinigung wird sich aber "begreiflicher Weise schwerer eine einheitliche, fein 
geschwungene Linie bilden, als wenn diese selbständig in einem fortlaufenden 
Zuge über diese schmalen Flächen hinweggezogen und ihre Schärfe höchstens 
durch Feilen und Schleifen gemildert wird. Es mag materiell erscheinen, bei 
der Prüfung eines Werkes, wie der Laokoon ist, einen scheinbar so kleinlichen 
Maassstab anzulegen. Beginnen wir nun aber die Betrachtung von Neuem, so 
werden wir uns des Grundes bewusst werden, weshalb überall, wo Flächen 
durch mehr oder minder scharfeiLinien zu begrenzen waren, eine gewisse 
Stumpfheit und Trockenheit herrscht, welche daraus entsteht, dass eben diesen 
Begrenzungen keine selbständige Bedeutung beigelegt und deshalb der Strich 
des Meissels nirgends ins Feine verarbeitet ist. Wir werden uns ferner klar 
werden über die Eigenthümlichkeit in der Behandlung der Flächen (der einzelnen 
Flächen nemlich im Gegensätze der sie umgrenzenden Linien, nicht der Massen 
im Allgemeinen). Wir sehen, wie der Künstler alles Andere der Darstellung 
der Muskeln als derjenigen Theile, welche den ganzen Mechanismus des Körpers 
in Bewegung setzen, aufgeopfert hat. Vor Allem sollen wir jeden Muskel in 
 seiner besonderen Wirksamkeit erkennen; und in diesem Streben ist dem 
Künstler die gewählte Technik allerdings von wesentlichem Nutzen gewesen, 
da schon der Meisselstrich das aufmerksame Auge darüber zu belehren vermag, 
in welcher Richtung sich die Thätigkeit des Muskels äussert. Aber diese Deut- 
lichkeit und Verständlichkeit ist doch nur ein erstes Erforderniss: wäre sie das 
einzige, so würde ein anatomisches Präparat noch besser diesem Zwecke ent- 
481 sprechen. Ja schon ein zu einseitiges Streben danach würde einem Kunstwerke 
mehr zum Tadel als zum Lobe gereichen müssen, da es die einzelnen Theile 
auf Kosten des Ganzen bevorzugen, und trotz aller Deutlichkeit das Auge, 
welches eine Gesammtwirkung" sucht, doch zuletzt durch zu viele Einzelnheiten 
verwirren würde. Denn welcher Art auch die Bewegung sei, in der Natur sehen 
wir selten einen Theil, einen Muskel in seiner Vereinzelung wirken: immer 
wird er zu mehreren anderen in naher Wechselbeziehung stehen und daher 
auch äusserlich sich mit ihnen einem grösseren Ganzen unterordnen. Selbst 
da aber, wo ein Muskel vor allen anderen bedeutend hervortritt, erscheint er 
wenigstens auf der Oberfläche nicht in völliger Absonderung. Immer ist er in 
der Natur noch mit einer Hülle, der Haut, umgeben, und ausserdem lagern 
zwischen dieser und den Muskeln fast überall mehr oder weniger bedeutende 
Fetttheile. Gerade diese aber sind es, welche stets das Einzelne zu grösseren 
Massen zusammenfassen, scharte Uebergänge und Absätze vermitteln und uns 
so zuletzt die Wirksamkeit der einzelnen Muskeln mehr ahnen, als materiell 
erkennen lassen. Wo sie daher in einem Kunstwerke unberücksichtigt bleiben, 
wird es immer zum Nachtheile des Ganzen ausschlagen müssen. Dass es aber 
in der That beim Laokoon der Fall gewesen, werden wir nicht ableugnen dürfen. 
Sprechen wir es nur aus: trotz aller Meisterschaft, trotz der gewaltigen An- 
spannung aller Formen tritt uns doch in der Behandlung der Flächen und ihrer 
Verbindung eine gewisse Magerkeit und Trockenheit entgegen. Es fehlt die 
Weichheit, es fehlen die feineren Uelaergänge, durch welche die Natur auch 
bei heftigen Bewegungen die Gegensätze im Einzelnen zu vermitteln nie unter-
        

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