Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Bildhauer
Person:
Brunn, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1194573
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1198202
Kunst 
Diadochenperiode 
Zerstörung 
Korinths. 
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allein eine Uelaerarbeitung fallen könnte, durchaus fremd, nicht aber dem Alter- 
thume. Wir finden sie z. B. an den beiden vortrefflichen Statuen des Menander 
und Poseidipp im Vatican, an einer schönen Büste des Sokrates in der Villa 
Albani, an dem kolossalen Serapis von Pozzuoli im Museo borbonico. Ueberall 
in den angeführten Beispielen, und ganz besonders beim Laokoon zeigt sich 
aber ein ganz bestimmtes System der Meisselführung", welches in der engsten 
Beziehung; zu den darzustellenden Formen steht und von einer sehr klaren, be- 479 
wussten Berechnung Zeugniss ablegt, wie sie bei einem modernen Restaurator 
am wenigsten vorausgesetzt werden darf. Der Meissel geht überall der Natur 
der Form nach, er wird nicht etwa quer über den Muskel- geführt, sondern folgt, 
so viel es angeht, der Muskelfaser ihrer Länge nach. Denn eben in den Modi- 
ticationen dieser Länge, in der Dehnung und Zusammenziehung besteht die 
Function des Muskels, und wir erkennen dieselbe an den Linien, Welche er 
von einem Ansatzpunkte zu dem anderen am entgegengesetzten Ende bildet. 
Der Künstler wird also dem Beschauer ein um so deutlicheres Bild von der 
wirkenden und tragenden Kraft des Muskels gewähren, je feiner und klarer er 
die Spannung dieser Linien darzustellen weiss. In dieser Absicht aber unter- 
stützt ihn die besondere Art der Technik, indem sie diese Linien in einem un- 
unterbrochenen Zuge und auch dem Auge des Beschauers erkennbar darstellt. 
 So äusserlich diese Besonderheit der Technik beim ersten Blicke erscheinen 
mag, so nothwendig ist es doch, mit Nachdruck darauf hinzuweisen: denn sie 
erweist sich bei näherer Betrachtung von tieferer Bedeutung für die gesammte 
Behandlung der Form am Laokoon. Den Beweis wird uns am besten eine 
Vergleichung mit demjenigen Kunstwerke liefern, welches uns im vorigen Ab- 
schnitte beschäftigt hat, mit dem sterbenden Gallier. Dort ist es vorzugsweise 
die Haut, welche zum Zwecke einer scharfen Bestimmung des Barbaren- 
charakters in ganz besonderen Feinheiten durchgeführt ist. Wir finden nicht 
nur die Erscheinung; der Muskeln an der Oberfläche durch die grössere Derb- 
heit der sie umgebenden Haut bedingt, sondern namentlich ist auch da, wo 
die letztere, wie an Händen und Füssen, durch vielen Gebrauch erhärtet, oder, 
wie an den Gelenken, durch scharfe Biegungen gebrochen wird, den Andeutungen 
dieser Härten, Schärfen und Brüche eine besondere Sorgfalt gewidmet; und 
weit entfernt, dass sie dem Ganzen zum Nachtheil gereichen, bilden sie durch 
die Feinheiten einer charakteristichen Durchführung sogar ein wesentliches Ver- 
dienst des Werkes. Fragen wir aber, auf welchem Wege diese erreicht wurde, 
so werden wir dem besonderen Gebrauche der technischen Mittel eine sehr be- 
stimmte Bedeutung beilegen müssen. Das ganze Werk ist sorgfältig mit der 
Feile übergangen, manche F'orn1en des Details sind dem Marmor blos mit diesem 
Instrumente eingeprägt, die schärferen Brüche und Falten sind als Linien ver- 480 
mittelst eines spitzen Eisens in ihrer ganzen Länge angegeben. Am Laokoon 
fehlen in dem Maasse, in welchem ihm die Anwendung dieser technischen 
Mittel fremd ist, auch diese Eigenthümlichkeiten in der Behandlung der Form. 
Die Bearbeitung n1it der Breite des Meissels wird immer die grösseren Flächen 
in eine Menge von kleineren zertheilen. Folgen aber diese der Natur des Mus- 
kels seiner Länge nach, so werden an den Gelenken, wo die Muskeln ver- 
schiedener Glieder mit ihren Spitzen sich begegnen, eben so die verschiedenen
        

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